Sonntag, 6. September 1914

Am Vortag hatte die Schlacht an der Marne begonnen, die zunächst für die Truppen erfolgreich verlief.

 

Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 6. September 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 6. September 1914Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe besuchte gestern Nachmittag die als Augenlazarett eingerichtete Universitäts-Augenklinik. Unter Führung des Direktors, Geheimrat Kuhnt, ließ sie sich alle Verwundeten vorstellen und richtete an jeden einzelnen in liebenswürdigster Weise freundliche und tröstende Worte. Die Verwundeten, an die sie Liebesgaben austeilte, waren durch die Teilnahme der hohen Frau freudigst bewegt.

 Eine Auskunftsstelle über Verwundete in Bonner Lazaretten ist durch den Erntebund errichtet worden. Die Geschäftsstelle befindet sich im Korpshause der Saxonia, Bahnhofstraße 40. Alle Angehörigen von Verwundeten können dort auf mündliche Anfrage erfahren, in welchem der zahlreichen Lazarette der Gesuchte sich befindet. Schriftliche Auskünfte werden nicht erteilt.

Gefangene Franzosen, die als Leichtverwundete hier in Behandlung waren, wurden gestern Nachmittag in einer Reihe von Wagen und Kraftwagen über die Rheinbrücke gebracht.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")

 

Anzeige im General-Anzeiger vom 6. September 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 6. September 1914Vaterländische Reden und Vorträge. Der erste Vortrag von Professor Karl Sell über „Recht und Würde des Krieges“ findet Montag abend in der Aula des Städt. Gymnasiums um 81/2 Uhr statt. Die Eintrittskarten dazu werden unentgeltlich verausgabt. (...)

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Verkehr der Verwundeten mit ihren Angehörigen. In allen hiesigen Lazaretten – mit Ausnahme eines einzigen – ist es den leichtverwundeten Soldaten gestattet, ihre Angehörigen zu sehen und zu sprechen oder auch zusammen mit ihnen spazieren zu gehen. In dem einen Lazarett aber bekommen selbst Bonner Jungens, die an mehreren Gefechten beteiligt waren, und leicht verwundet sind, diese Vergünstigung nicht. Sie dürfen nicht mal durchs Fenster gucken. Warum? Es ist doch wohl nicht nötig, daß Verwundete wie „Gefangene“ behandelt werden. – Hoffentlich bedarf es nur dieses Hinweises, um für Abhilfe dieses Zustandes zu sorgen. Drei Bonner Jungens.

 Leichtverwundete in Privathäusern. Es ist mir zu Ohren gekommen, daß gutgestellte Bonner Familien sich angeboten haben, Leichtverwundete und Genesende ohne Entgelt aufzunehmen. Wenn dies der Wahrheit entsprechen sollte, würde ich dies im Interesse vieler Pensionsinhaberinnen sehr bedauern, denen durch dieses Anerbieten eine, wenn auch kleine Einnahme entzogen würde. Eine gern arbeitende Frau.

Unterbringung Leichtverwundeter. Endlich rührt man sich im General-Anzeiger zur Frage der Unterbringung Leichtverwundeter. Als Anwohner der Poppelsdorfer Allee glaube ich im Namen vieler zu sprechen: gern werden wir sie aufnehmen! Grad die Straßen: Poppelsdorfer Allee, Argelanderstraße, Königsstraße, Baumschul-Allee sind wie kaum andere Straßen durch die große Nähe der Krankenhäuser (Barmherzige Brüder und Friedrich-Wilhelm-Stift) dafür geeignet, da die Verwundeten nur eine kurze Strecke täglich ein- oder zweimal, je nach ärztlicher Verordnung, bis ins Krankenhaus zur Beobachtung und Behandlung ihrer Wunden zu gehen brauchen. Es scheint mir nicht nötig, daß man erst seine Bereitwilligkeit meldet. Die Stadt hat ja vor kurzem erst eine Aufnahme machen lassen, wieviel Offiziere, wieviel Mann sie in genannte Straßen in Quartier legen kann, - schickt sie uns nur! I. J. Z

 Anzeige im General-Anzeiger vom 6. September 1914Anzeige im General-Anzeiger vom 6. September 1914Schutz den Zugtieren! Dadurch, daß viele und dabei die kräftigsten Pferde von der Militärbehörde angekauft wurden, sieht man jetzt öfters Pferde vor Fuhrwerke gespannt, die schon längst das Gnadenbrot verdient hätten. Es wäre wirklich zu wünschen, daß die Führer solcher Fuhrwerke auf dieses Pferdematerial Rücksicht nehmen und nicht gleich ungeduldig werden, wenn solch ein altes müdes Tier plötzlich nicht mehr weiter kann, oder wenn die Fahrt zu langsam geht. Namentlich an unserer Rheinbrücke kann man vielfach beobachten, daß Pferde, die jetzt zum Ziehen von Lastfuhrwerken usw. benutzt werden, beim besten Willen die starke Steigung bis zur Brücke nicht oder nur unter äußerster Anstrengung überwinden können. Erst wenn die Führer sehen, daß es gar nicht geht, dann werden andere Vorspannpferde genommen. Doch nicht allein den Pferden, sondern auch anderen Zugtieren wird an jener Stelle zu viel abverlangt. So kann man täglich mehrere Male ein Milchfuhrwerk von der rechten Rheinseite beobachten, vor dem ein altes Grautier geht. Nicht nur, daß das Tier außer den Milchkannen usw. noch die Lenkerin, eine Frau, die gut und gern 150 bis 160 Pfund schwer ist, zu ziehen hat, oft befinden sich bis zu vier Personen, eine weitere Frau und noch zwei erwachsene Kinder auf dem Wagen. Ein Militärposten frug nach Ende voriger Woche, als er sah, daß als vierter noch ein 14jähriger Junge auf der steilen Rampe den Wagen bestieg, ob nicht noch mehr Personen auf das Fuhrwerk gingen. Dies wurde anscheinend nicht verstanden, oder man wollte es nicht verstehen. Da wäre es doch Sache der Behörde, gegen eine derartige Tierquälerei energisch vorzugehen. Ein Tierfreund.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Sprechsaal“)

 

Keine Ausländer an den preußischen Schulen mehr. Der Kultusminister hat die folgende Verfügung an die Leiter sämtlicher Unterrichtsanstalten im Königreich Preußen herausgegeben: In den mir unterstellten öffentlichen Schulen sind Angehörige der Staaten, die Krieg gegen uns führen, zu einer Lehrtätigkeit ferner nicht zuzulassen. Dies gilt auch für die Universitäten und Technischen Hochschulen. Es ist also in dem gegebenen Falle Privatdozenten das Ankündigen und Halten von Vorlesungen bis auf weiteres nicht zu gestatten. Angehörige dieser Staaten sind aber auch als Schüler und Schülerinnen in die bezeichneten Lehranstalten bis auf weiteres nicht zuzulassen. Es kann daher auch den immatrikulierten Studierenden aus diesen Ländern der Besuch der Vorlesungen nicht ferner gestattet werden, und Neuaufnahmen solcher Studierenden finden nicht statt.

Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 6. September 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 6. September 1914Gebt Arbeit! Der Verein Frauenbildung – Frauenstudium schreibt uns: Beim Beginn des Krieges erfaßte auch unsere Frauenwelt der Sturm der Begeisterung und jede Einzelne ersehnte eine Betätigung im Dienste des Vaterlandes. Man war zu jeder Arbeit, zu jeder Einschränkung bereit; man wollte im Opferbringen nicht hinter den Männern zurückstehen. Man glaubte, die durch die allgemeine Mobilmachung dem Lande entzogenen männlichen Arbeitskräfte durch weibliche ganz oder teilweise ersetzen zu müssen. Das war ein Irrtum: es hat sich sofort in den ersten Tagen des Krieges herausgestellt, daß nicht ein Mangel an Arbeitskräften, sondern ein Mangel an Arbeitsgelegenheit vorliegt. Zahlreiche männliche und weibliche Arbeiter jeder Art sind plötzlich ohne Verdienst. Viele Fabriken haben ihren Betrieb ganz oder teilweise eingestellt, die Geschäfte und Handwerker sind auch oft aus Mangel an Aufträgen gezwungen, ihr Personal zu entlassen oder zu verringern. So ist ein Notstand entstanden, nicht nur in den Familien der ins Feld ziehenden Krieger, sondern ebenso sehr in anderen Kreisen, ein Notstand, den die Frauen nicht bedachten, als sie in der ersten Begeisterung ihre freiwillige Hilfe für alle und jede Arbeit zur Verfügung stellten. Nachdem wir nun aber einmal erkannt haben, woran es zur Zeit am meisten fehlt, möchten wir immer aufs neue allen Frauen zurufen: „Schafft Arbeit!“ Es ist in diesen Wochen schon oft gesagt und kann doch nicht oft genug gesagt werden: „Arbeit ist besser als Almosen.“ Möchte das doch jede Frau beherzigen. Wer jetzt seine Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 6. September 1914Anzeige in der Deutschen Reichszeitung vom 6. September 1914Dienstboten entläßt, wer die Bestellung seines Gartens selbst besorgt, statt wie bisher den Gärtner zu beschäftigen, wer seine Putz-, Wasch- oder Flickfrau abbestellt, handelt zu dieser Zeit wahrlich nicht vaterlandsfreundlich. Wohlan Ihr Frauen, die Ihr Euch so begeistert zu jedem persönlichen Opfer bereit erklärtet, bringt dieses Opfer, wenn auch in anderer Form, als ihr es euch zuerst dachtet. Gebt Arbeit für die Arbeitslosen und entzieht nicht denen, die ihr bis jetzt beschäftigt habt, ihren Verdienst. Ueberlegt, ob nicht da und dort in Eurem Hause, an Eurer Einrichtung Schäden sind, die Ihr jetzt ausbessern lassen könnt. In den unter städtischer Kontrolle stehenden Nähstuben in der Fortbildungsschule und in den Vermittlungsstellen für Heimarbeit, Riesstraße 11 und Martinstraße 3, wird jede Art von Näh-, Strick- und Stickarbeit vermittelt und wir möchten allen Hausfrauen ans Herz legen, dorthin Bestellungen gelangen zu lassen. Wer es irgend kann, benütze diese Gelegenheit, seinen Wäschebestand zu ergänzen, seine Wintergarderobe in Stand zu setzen. Man sorge schon jetzt für Weihnachtsgeschenke, soweit sie Arbeitsgelegenheit bieten. Ein so frühzeitiger Einkauf, der vielleicht zu anderen Zeiten unpraktisch und wenig empfehlenswert sein mag, wird heute zu einem vaterländischen Dienst. Man entziehe aber auch nicht seinen alten Lieferanten die Kundschaft und man verabsäume vor allem nicht, alle Handwerker und Arbeiter bar zu bezahlen.

Königshof. Der Aufsichtsrat des bisherigen Hotel Royal hat in einer besonderen Sitzung beschlossen, den Namen des Gasthofes in „Königshof“ umzuändern. Eine Aenderung der Firma, welche eine Satzungsänderung darstellt, kann nur die Generalversammlung mit drei Viertel Stimmenmehrheit beschließen. Die Angelegenheit soll der nächsten Hauptversammlung unterbreitet werden.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)