Sonntag, 27. September 1914

 

Städtisches Gymnasium. Von den Lehrern der Anstalt, die zu Fahne einberufen wurden, hat Herr Oberlehrer Dr. Hartke das Eiserne Kreuz erhalten; Herr Oberlehrer Dr. Raders ist den Tod fürs Vaterland bei Longwy am 25. August gestorben. In einer kurzen Ansprache an Lehrer und Schüler gedachte Herr Direktor Dr. Diepmann der beiden Vaterlandsverteidiger.

Der Flottenverband Jungdeutschland veranstaltet heute Vormittag, 11 ½ Uhr, im Hörsaal des Akademischen Kunstmuseums einen Vortrag, in dem Herr Referendar Krummacher über „Unsere Flotte und ihre Gegner“ (Stärkeverhältnis, Kampfesmöglichkeit, bisherige Kämpfe) sprechen wird.

Der botanische Garten steht für die Verwundeten zu jeder Tageszeit offen. Der Eingang ist von der Meckenheimer Allee aus.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Städtische Nachrichten")

Aus dem Feldpostbrief eines Bonners entnehmen wir:

Anzeigen im General-Anzeiger vom 27. September 1914Anzeigen im General-Anzeiger vom 27. September 1914L ….., 9. Sept. 1914

Mir geht es sehr gut. Augenblicklich habe ich noch neun Sektflaschen vor mir stehen – aber auf Dein Wohl getrunken! - Wie wir hier leben, will ich Dir einmal schildern: Liegen jetzt 190 Kilometer vor Paris. Die nächste Stadt ist C., 6 Kilo­meter weit von hier entfernt. Das Schloß, wo ich mich befinde, ist ein sehr feines Ding. Die Einrichtung ist großartig. Diese Woche haben wir schon ein Schwein und einen Ochsen geschlachtet. Ich war am Montag in C... Dort waren sämtli­che Läden offen. Jeder holte sich, was er brauche. Kamen an einem großen Warenhaus vorbei, und unser Hauptmann sagte, was wir eben brauchen könn­ten, sollten wir requirieren. Die feinsten Konserven und Liköre fielen uns in die Hände. Alles was nur zu denken ist. Fisch- und Fleischkonserven; es waren Do­sen dabei, wo jedes Stück 4 – 5 Frcs. kostete. Militärschuhe ziehen wir keine mehr an, haben fast alle gelbe Schnürstiefel und Gamaschen, wie die Herren Offiziere. Jede Woche werden reine Hemden und Unterhosen angezogen, alles neu. Strümpfe brauche ich vorläufig keine, habe ein halbes Dutzend ganz neue, alles franz. Ware. Unsere Mittagsmahlzeit ist Rindfleisch, Suppe, Kartof­feln und Gemüse, eingemachte Gurken und sonstige Sachen. Abends entweder Kaffee, Tee oder Wein mit Fleisch. Bei uns sieht man nicht, daß wir im Krieg sind. Es vergeht kein Tag, daß wir keinen Wein trinken. Nur eines fehlt uns, nämlich zu rauchen. Dies ist nicht mehr zu haben. Es sind Leute hier, die geben 50 Pfg. für eine Zigarre oder Zigarette. Sogar die Offiziere fragen die Mann­schaften, ob sie nichts zu rauchen haben. Am meisten freut es mich, daß ich Dein Bild habe, wofür ich Dir bestens danke. --- Unser Stand ist bis jetzt sehr gut. Die franz. Infanterie ist fast ganz vernichtet. Nur die Artillerie steht noch im Gefecht. Bin verschiedene Male dicht an unserer Schützenlinie gewesen. Die Kugeln summten uns über die Kopf, aber es hat bis jetzt noch immer gut gegan­gen. Vergangene Nacht mußten wir im Lastauto zum Geschoß holen, da der Transport mit den Pferden nicht schnell genug ging, weil der Geschoß-Vorrat für die Artillerie zuende ging. - Muß einen Augenblick mit Schreiben aufhören, da wir alle antreten müssen. - Eine große Ueberraschung für uns: nämlich Seine Majestät der Kaiser hat uns einen Besuch abgestattet und sah eben, daß noch Mannschaften von uns am essen waren und bat um eine Kostprobe, die ihm vorzüglich schmeckte, und er noch einmal zur Küche ging und etwas holte. Er unterhielt sich mit jedem, den er sah, fragte ihn, wo er her sei usw. Mich hat er noch Verschiedenes über Bonn gefragt, und ob ich schon verheiratet wäre. Habe ihm die Fragen beantwortet. Hatte eben die Karte von Dir auf dem Tisch liegen, wo ich nämlich am schreiben war. Seine Majestät nahm Dein Bild vom Tisch und frug, ob das meine Braut sei, was ich bejahte, frug, wo Du her wärst, wo ich Dich kennen gelernt hätte, und ob wir bald heiraten wollten. Sollte Dich vielmals grüßen und machte noch etwas Scherze dabei. Er schläft diese Nacht hier im Schloß. Wir können froh sein, daß wir den Krieg nicht in unserem Land haben, denn solche Verwüstung, wie hier ist kaum glaublich. Ganze Häuser und Dörfer sind in Brand geschossen und den Bauern ist die ganze Ernte verdorben. Habe viele Bekannte getroffen, die verwundet waren. Frankreich ist doch nicht so weit vorgeschritten wie Deutschland. Die Straßen, Eisenbahnen und die ganze Bauart sind weit zurück. Sehr schmutzig ist es in Frankreich, auch die Weiber und Kinder. In manche Häuser ist man zu bange einzutreten, wenn man schon das Aeußere von den Häusern sieht. Dahingegen findet man in den besseren Häusern überall Seide, ganze Kisten mit Toilettesachen usw. Will nun mein Schreiben schließen. Mit dem Wunsche, recht bald wieder in Deiner Nähe verweilen zu können usw.

Dein Lambert

In den Rhein gesprungen. Am Samstag morgen sprang unterhalb der Rheinbrücke ein Mädchen von hier in den Rhein und ertrank. Die Leiche konnte bislang nicht geborgen werden.

 Wegen Beleidigung wurde am Samstag ein Fabrikbesitzer aus Hangelar von der Strafkammer zu 20 Mk. verurteilt. Der Angeklagte hatte mit Bezug auf einen Kommunalbeamten die Aeußerung gebraucht, er habe die Gemeinde um die Steuern betrogen.

Zeitungen für unsere Soldaten. Unserer im Felde stehenden Soldaten hat sich ein gewisser Heißhunger nach Zeitungen bemächtigt. Sie wünschen Nachrichten aus der Heimat und wollen einen Ueberblick gewinnen über die Lage des Krieges, denn sie können, trotzdem sie mitten im Kampfe stehen, nur einen winzigen Ausschnitt des Ringens überschauen. Namentlich wissen sie nicht, was draußen auf der See und in unseren Schutzgebieten vor sich geht. Die Zeitung ist das unschätzbarste Gut für den heutigen Soldaten, unentbehrlich, wie Speise, Trank und Schlaf. Sie ist ihm ein Stück Vaterland, für das er kämpft, ein Gruß aus den Verhältnissen und Zuständen, aus denen er stammt und nach denen er sich zurücksehnt, sie verbindet ihn mit der Heimat, und die Heimat mit ihm, sie stärkt und belebt ihn wie eine erquickende Mahlzeit.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

 

Der Transport der in Bonn ankommenden Verwundeten

findet teils durch die Sanitätskolonne und Feuerwehr, teils durch die für die Dau­er des Krieges unter Leitung von Rittmeister a.D. Weyermann neugebil­dete Krankenträger-Kolonne statt, der etwa 200 Bürger unserer Stadt angehö­ren. So­wohl sie als die Sanitätskolonne unterhält auf dem Güterbahnhof eine ständi­ge Wache; dem Wachhabenden der Krankenträgerkolonne sind außer­dem eine An­zahl Radfahrer beigegeben. An jedem Tage wird dem Wachhaben­den durch Sa­nitätsrat Dr. Gudden, der die Verteilung der ankommenden Ver­wundeten an die einzelnen Krankenhäuser, Kliniken und sonstigen zu Lazaret­ten eingerichte­ten Anstalten in der Hand hat, ein Verzeichnis der Betten zuge­stellt, die an dem be­treffenden Tage in sämtlichen genannten Häusern frei sind. Wird nun gemel­det, daß mit irgend einem fahrplanmäßigen Zug ein oder meh­rere Verwundete an­kommen, so entscheidet der Wachhabende, wo sie unterzu­bringen sind, tele­phoniert an die betreffenden Stellen und läßt die Verwundeten auf dem Haupt­bahnhof durch Krankenträger evtl. mit Bahren und Wagen oder Autos, deren mehrere von ihren Besitzern gütigst zur Verfügung gestellt wor­den sind, abho­len. Wird die Ankunft eines ganzen Zuges voll Verwundeter, die dann auf dem Güterbahn­hof erfolgt, gemeldet, so werden, wenn es sich um Leichtverwundete handelt und der Transport nicht gerade mitten in der Nacht eintrifft, zunächst Sanitätsrat Gudden und einige Kolonnenführer antelephoniert, sowie die Ver­waltung der elektrischen Bahnen, der städtische Fuhrpark und die Feuerwehr benachrichtigt. Die ersteren schicken dann einige Züge elektrischer Wagen, die auf der Viktoria­brücke halten, während die vom Fahrpark bespann­ten Wagen, das Auto der Feu­erwehr und andere zur Verfügung stehende Autos unmittelbar am Güterschup­pen vorfahren. Die Leichtverwundeten werden erst erfrischt, evtl. auch neu ver­bunden und dann sofort durch die verschiedenen eben ange­führten Beförde­rungsmittel in die einzelnen Lazarette gebracht, die selbstver­ständlich vorher te­lephonisch benachrichtigt worden sind. Nur wenn Leichtver­wundete nach 12 Uhr nachts eintreffen, werden sie bloß verpflegt, dann aber, um ihnen möglichst Ruhe zu gönnen und andererseits die in den La­zaretten, in die sie gebracht wer­den müßten, schon schlafenden Verwundeten nicht zu stö­ren, für den Rest der Nacht auf dem Güterbahnhof selbst unterge­bracht. In der Halle der Eilgüterex­pedition wird zu diesem Zweck Stroh aus­gebreitet, werden die sämtlichen vor­handenen Matratzen hingelegt, die Trag­bahren aufgestellt und wird zu jeder Lagerstätte eine Decke und möglichst ein Kopfkissen gege­ben. Reicht der Eilgü­terschuppen nicht zu, so wird auch noch der Keller des großen Güterbahnhofsge­bäudes hinzugenommen, unter dem man sich aber nicht irgend­wie dumpfe oder feuchte Räume vorstellen darf: es handelt sich tat­sächlich um hohe, luftige und völlig trockene Hallen, die außer­dem noch einmal gereinigt und hoch mit Stroh belegt worden sind. Entschuldi­gen sich die Kran­kenträger doch, weil es eben ein paar Stufen hinunter geht, bei den Verwunde­ten, daß sie hierhin geführt werden, so antworten diese: O wir sind froh, wenn wir in einem trockenen und warmen Raume liegen, und in der Tat: kaum hat man sie zur Ruhe gebracht, so schlafen sie, ebenso wie ihre Kameraden im Eil­güterschuppen, als lägen sie im weichsten Bett. Schwerver­wundete werden na­türlich gleich in die betreffenden Lazarette überführt; sie kommen aber zumeist nur bei Tage an. Wird ein ganzer Transport solcher ange­meldet, so wird zu­nächst wieder Sanitätsrat Gudden benachrichtigt und je nach der Zahl der Ver­wundeten ein Teil oder die Gesamtheit der Krankenträger alar­miert, sei es durch Telephon, sei es durch Radfahrer. Die Verwaltung der elektri­schen Bah­nen wird in diesem Fall um die Entsendung von Wagen gebeten, aus denen die Bänke herausgenommen sind; sie halten wieder auf der Viktoria­brücke, so daß die Verwundeten auf Bahren nur bis dorthin getragen zu werden brauchen und dann in die Wagen – in jedem 4, 5 oder 6 – gehoben werden können. Dann fah­ren die betreffenden Züge mit sämtlichen Trägern unter Lei­tung eines Kolon­nenführers langsam nach dem Krankenhaus, in das die Ver­wundeten kommen sollen; hier werden die Bahren mit den Verwundeten wieder herausge­hoben und bis vor das betreffende Bett getragen. Wie tadellos dieser gan­ze Ap­parat funktioniert, wurde letzten Sonntag auch von dem, einen Transport beglei­tenden, Stabsarzt ausdrücklich anerkannt. Derselbe bemerkte zu dem hiesigen Generaloberarzt Dr. Jäger, er habe auf allen Transporten, die er bisher leitete, noch keine Stadt gefunden, in der die Beförderung der Verwundeten mit einer solchen Vorsicht und zugleich einer solchen Schnelligkeit geschähe, wie hier in Bonn. Die Angehörigen unserer braven Soldaten können also überzeugt sein, daß auch in dieser Beziehung für die Verwundeten, die hierher kommen, aufs Beste gesorgt wird.

 Die Stadt Bonn gewährt den Angehörigen der zum Kriegsdienst eingezogenen städtischen Arbeitern bis auf weiteres folgende Beihilfen: Der Ehefrau 25 Prozent, den ehelichen und den ehelich gleichstehenden Kindern unter 15 Jahren 6 Prozent, zusammen höchstens 50 Prozent des zuletzt bezogenen Lohnes des Einberufenen ohne Zulage der Ueberstunden. Für die rückliegende Zeit kommt die von der Stadt bereits gezahlte Unterstützung auf die Beihilfe in Anrechnung. Die reichgesetzliche Familienunterstützung wird auf die Beihilfe nicht angerechnet. Betragen die Beihilfe und die reichsgesetzliche Unterstützung zusammen mehr als zwei Drittel des zuletzt gezahlten Lohnes des Einberufenen, wird die Beihilfe entsprechend gekürzt. Die Beihilfe kann auch in Form von Mietentschädigung oder in Naturalien geleistet werden.

 Kegelbrüder unter sich. Zwei Beueler Kegelbrüder gingen nach beendetem Kegelspiel zusammen nach Hause. – Unterwegs gerieten sie in Streit, wobei der stärkere den anderen Kameraden derart verprügelte, daß es einige Rippenbrüche absetzte. Das Schöffengericht erkannte gegen den Mann eine Gefängnisstrafe von vier Monaten.

Zutritt verboten. Ein Fuhrmann aus Walberberg hatte im Wald eine Schonung betreten, deren Zutritt verboten war. Als ein Forstbeamter den Eindringling zurechtwies, widersetzte sich dieser und griff den Förster an. Die Bonner Strafkammer verurteilte ihn deshalb zu einer exemplarischen Strafe von drei Monaten und einer Woche Gefängnis. Der Angeklagte hat bereits mehrere Vorstrafen aufzuweisen.

Bonner Krankenpflegerinnen in Belgien. Auf Anforderung des Gouvernementsarztes in Brüssel entsandte der Vaterländische Frauen-Verein Stadtkreis Bonn heute morgen 10 feldmäßig ausgerüstete Schwestern nach Belgien. Möchten die Schwestern manchem Verwundeten, manchem Kranken Hilfe und Erleichterung der Leiden bringen!

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)