Samstag, 19. August 1916

      

Anzeige im General-Anzeiger vom 19. August 1916Anzeige im General-Anzeiger vom 19. August 1916Die gestrige Stadtverordnetensitzung wurde fast ganz mit der Besprechung der Lebensmittelversorgung ausgefüllt. Oberbürgermeister Spiritus besprach in einem fast anderthalbstündigen Vortrage den gegenwärtigen Stand der Lebensmittelversorgung in Bonn und ihrer einzelnen Zweige. Er schloß mit der Versicherung, die Verwaltung werde auch in Zukunft nicht nachlassen, pflichtgemäß und zu jeder Zeit alles das zu tun, was sie zum Besten der Stadt Bonn und ihrer Bevölkerung für notwendig und ersprießlich halte. In der anschließenden Aussprache wurden von verschiedenen Stadtverordneten noch eine Anzahl Anregungen gegeben. Es wurden sodann 160.000 bis 170.000 Mark für etwa 100 Milchkühe bewilligt, die die Stadt anschaffen will, um vor allem die Milchversorgung der Säuglinge, der Kinder bis zum 6. Lebensjahre, der hoffenden und stillenden Frauen sowie der Kranken sicherzustellen. Ferner bewilligten die Stadtverordneten als Beteiligung der Stadt an der Kriegshilfskasse der Rheinprovinz 50.000 M. Endlich wurde beschlossen, zehn weitere Hilfspolizeibeamte anzustellen, und der Stadtverordnete Wellmann und der Rentner Lüps neu in den Lebensmittelausschuß gewählt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

      

Lebensmittelversorgung der Stadt.
Oberbürgermeister Spiritus: [...] Anstelle der bisherigen Brotbücher seien seit dem 1. Juli Karten getreten. Die Lebensmittel würden nur mehr für den Einzelnen, nicht mehr für die Haushaltungen ausgegeben. Irrig sei die Ansicht, daß die Angehörigen der Abteilung C mehr bezahlen müßten, um das, was die Stadt bei den anderen Abteilungen zulege, zu decken. Den Ausfall trage die Stadt.
   Oberbürgermeister Spiritus stellte fest, daß die Mehl- und Brotversorgung durchaus gut verlaufe. In der Zeit der Kartoffelnot sei es nötig gewesen, eine Zusatzmenge für jeden zu geben. Die Schwierigkeit der Kartoffelversorgung sei in der letzten Zeit sehr groß gewesen. Man habe zwischen Mangel und Ueberfluß hin- und hergeschwankt. Die Stadt sei schließlich mit Kartoffeln überstürzt worden, sodaß sie der Menge nicht Herr werden konnte. Sie habe die Kartoffeln nicht ablehnen können. Die Ueberstürzung sei dadurch eingetreten, daß vom 1. August an die Höchstpreise herabgesetzt wurden und daß die Erzeuge alles daran setzten, ihre Ware vor diesem Zeitpunkt zu verkaufen. Die Frühkartoffel sei aber leicht verderblich und lasse sich nicht aufbewahren. Die Stadt habe die größte Mühe gehabt, die Kartoffeln los zu werden und einen bedeutenden Verlust dabei erlitte. Ob der Antrag auf Ersatz des Schadens Erfolg haben werde, sei noch nicht sicher.
   Es nahe die Zeit, wo die Spätkartoffeln reifen und den Gemeinden überwiesen werden sollen. Sie sollen den Gemeinden bis zum 15. April zugewiesen werden. Bei 1½ Pfund auf den Kopf und Tag ist für Bonn eine Menge von 340.000 Zentner erforderlich. Als Bezugsprovinzen sind Pommern, Sachsen, und für den Rest die Rheinlande in Aussicht genommen. Die Kartoffeln aus Pommern waren durchaus zufriedenstellend. Ebenso waren die Kartoffeln aus Sachsen recht gut. Es sei zu hoffen, daß es der Staatseisenbahn gelingen werde, die Beförderung dieser Unmengen in geregelter Weise zu bewirken. Es sei für die Stadt eine große und schwierige Aufgabe, diese Kartoffeln an der richtigen Stelle aufzubewahren. Ein großer Teil der Kartoffeln wird aber in Mieten untergebracht werden müssen. Geeignete Sachverständige für die Anlage solcher Mieten stehen der Stadt zur Verfügung. Der größere Teil wird aber in den Universitätskellern und im Schlachthause untergebracht werden.
   Die Fleischversorgung der Stadt ist augenblicklich nicht erfreulich. So bedauerlich das ist, so ist es doch nicht so wichtig wie die Versorgung mit Brot und Kartoffeln. Aber der Höhepunkt wird überschritten sein. Am 1. Oktober tritt die Reichsfleischkarte ein, die eine Besserung herbeiführen wird. Die Stadt hat auf dem Dottenhof annähernd 300 Schweine in Fütterung. Davon ist eine kleine Anzahl bereits geschlachtet worden, wodurch die Fleischversorgung etwas gebessert worden ist.
   Im Ganzen ist sie aber noch mangelhaft. Auch die Fettversorgung ist sehr mangelhaft, was noch mehr zu bedauern ist.
   Die Milchversorgung der Stadt ist im Rückgang. Die Stadt ist mit Rücksicht auf die neue Verordnung über die Versorgung von Kindern, hoffenden und stillenden Müttern sowie Kranken dazu übergegangen, den Ankauf von 100 Milchkühen vorzuschlagen und es ist zu hoffen, daß damit ein guter Erfolg erzielt wird.
   Der Gemüsemarkt ist durchweg gut beschickt und die Preise sind mäßiger geworden, wozu auch die Beschaffung von Gemüse durch die Stadt beigetragen hat. Weniger erfreulich ist es mit der Obstversorgung. Die Obstpreise sind nahezu unerschwinglich und solange nicht Höchstpreise festgesetzt werden, ist daran nichts zu ändern. Durch die Stadtgärtnerei ist aber Obst gekauft worden, das an die Bevölkerung abgegeben wird. Wenn auch die Ernährung der Bevölkerung nicht in allen Dingen reichlich ist, sondern noch viel zu wünschen übrig läßt, so muß man doch die Verhältnisse berücksichtigen, und kann im allgemeinen sagen, daß die Ernährung in etwa zufrieden stellt. In den Kriegsküchen haben wir ein Sicherheitsventil für alle Notstände. Jeder kann verzehren, was er dort bekommt. Sie werden auch in steigendem Maße benutzt und die Zahl der Benutzer istim Verhältnis zu den Nachbarstädten groß. Jede Einrichtung zeigt ihre Mängel und Kinderkrankheiten, so ist es auch bei den Kriegsküchen. Man ist aber bemüht, die Mißstände zu heben und das ist auch gelungen. An gutem Willen hat es nicht gefehlt. Etwaige Wünsche und Beschwerden möge man nur den Vorständen mitteilen. Sie werden sich bemühen, nach Möglichkeit Abhilfe zu schaffen. Von Neueinrichtungen möchte ich noch das Bekleidungsamt erwähnen, das schon sehr gut läuft, wofür wir den beiden Stadtverordneten Gentrup und Kalt sehr dankbar sind. Neu ist ferner die Versorgung der Kranken mit Zusatzlebensmitteln, wenn dies dringend nötig ist. Der Vorsitzende schloß damit, er glaube dargetan zu haben, daß sowohl die Berufsbeamten als auch die ehrenamtlich tätigen Herren die ungemein schwierige Frage der Lebensmittelversorgung in die richtige Bahn zu lenken sich bemühten. Die Verwaltung werde nicht nachlassen, das zu tun, was sie für das Wohl der Stadt Bonn und ihrer Bürger als nötig und ersprießlich erachtet.

Ueberlistete Obst- und Gemüsediebe. Zwei junge Burschen aus Bonn wurden am Donnerstag nachmittag, als sie mit gefüllten Rucksäcken die Fluren des Vorgebirges durchstreiften, in der Nähe von Roisdorf von einem ca. 40jährigen Radfahrer, der sich als Feldhüter ausgab, angehalten, der sich, ohne viel zu reden, an die Durchsuchung der Rucksäcke gab. Da lagen denn in einem fein säuberlich voneinander getrennt, Bohnen, Gurken, Karotten, Möhren und Zwiebeln, während der andere voll gefüllt war mit Obst und Kartoffeln. Da sie sich über die Herkunft nicht weiter ausweisen konnten, packte de „Flurhüter“ alles zusammen und fuhr gemütlich auf – Bonn zu. Erst später wurden den beiden Burschen klar, daß sie von einem „Klügeren“ um den Erfolg ihres Raubes gebracht worden waren.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

      

Petroleumversorgung. Für Heimarbeiter und landwirtschaftliche Betriebe, welchen weder Gas noch elektrisches Licht zur Verfügung steht, wird von Montag, den 21. August ds. Js. ab Petroleum verabfolgt. Anträge auf Ueberlassung von Petroleumkarten sind beim städtischen Lebensmittelamte (Karten-Ausgabestelle) zu stellen. Der Preis für 1 Liter Petroleum beträgt 32 Pfg.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Bonner Nachrichten“)