„...erfolgreich mitgewirkt an der Pflege der Vaterlandsliebe...“

Der Erste Weltkrieg im Spiegel der Lokalnachrichten in der Bonner Presse vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 1914

 

Inhalt:

 

Vorbemerkung

Am 1. Juli 2014 startete die Bonner Geschichtswerkstatt ein Internet-Projekt zum Ersten Weltkrieg. Täglich wurden - und werden - ausgewählte Notizen aus dem Lokalteil der Bonner Zeitungen ins Netz gestellt, die den städtischen Alltag dokumentieren und deutlich machen sollen, wie der Krieg allmählich das Leben der Bonner und Bonnerinnen prägt.

Vier Lokalzeitungen gab es in der Zeit des Ersten Weltkriegs in Bonn und dienten uns als Quelle: die national-liberale Bonner Zeitung (BZ), den partei-politisch neutralen General-Anzeiger (GA), der bis Kriegbeginn primär ein Anzeigenblatt war, die Deutsche Reichs-Zeitung (RZ), das Organ des katholischen Bürgertums, und den Volksmund, das „Sprachrohr der progressiven Kräfte“, wie er sich selbst charakterisierte. Die drei erstgenannten Blätter erschienen einschließlich sonntags täglich, die Deutsche Reichs-Zeitung zunächst sogar mit einer Morgen- und einer Abendausgabe, der Volksmund mittwochs und samstags, im weiteren Kriegsverlauf nur noch mittwochs.

Das, was wir im Netz präsentieren, ist in doppelter Hinsicht subjektiv: Die Zeitungen sind kein Spiegel der Realität, oft sogar mehr als eine bloße Interpretation der Realität. Ihre Berichterstattung ist selbstverständlich geprägt durch die jeweilige ideologische Ausrichtung. So sieht die Reichs-Zeitung beispielsweise die Situation vor Kriegsausbruch sehr viel anders als der sozial-demokratisch geprägte Volksmund, der Anfang August allerdings in Zeiten des sogenannten Burgfriedens auch in die allgemeine Euphorie verfällt. Gemäß ihrer politischen Ausrichtung wollen die Zeitungen mit ihrer Berichterstattung Meinungen bilden: Sie wollen Stimmungen erzeugen – so die Kriegsbegeisterung insbesondere in den ersten Kriegstagen -, Einstellungen prägen – z. B. die Opferbereitschaft der Bevölkerung -, Ängste schüren – z. B. vor ausländischen Spionen -, an den Patriotismus der Leserinnen und Leser appellieren – z. B. durch Boykottaufrufe ausländischer Erzeugnisse -, aber auch Normalität in Zeiten des Krieges suggerieren. Sie wollen darüber hinaus ihre Leserinnen und Leser in Rubriken wie „Eingesandt“ (BZ) und „Sprechsaal“ (GA) zu Worte kommen lassen. Die bestärken natürlich die patriotische Gesinnung der Zeitung. Ob es auch andere Meinungsäußerungen gegeben hat, die nur nicht veröffentlicht wurden, wissen wir nicht. Daneben gibt es auch die sachliche Information, z. B. amtliche Bekanntmachungen usw., sowie die regelmäßig veröffentlichten Gerichtsurteile u.ä..

Zum zweiten ist auch die Auswahl, die wir getroffen haben, eine subjektive. Die Kriterien orientierten sich oft an der zuvor genannten Klassifizierung: Durch welche Meldungen soll eben diese Kriegsbegeisterung geweckt, auf welche Weise die Opferbereitschaft gestärkt werden? Auf welche Weise wird beschwichtigt, auf welche agitiert? Unsere Beispiele sollen auch zeigen, was die Bonner und Bonnerinnen bewegt, wie der Krieg einerseits zunehmend den Alltag durchdringt, wie andererseits Normalität suggeriert wird.

Während das Kalendarium dem zeitlichen Ablauf folgt, ist der vorliegende Text der Versuch einer zusammenfassenden Systematisierung der stets wiederkehrenden Zeitungsthemen. Auch hier ist die Auswahl der Beispiele aus der Fülle des Materials wiederum subjektiv. Die Zitate sind in der Regel ausführlicheren Textpassagen entnommen, die im Kalendarium unter dem angegebenen Datum in der jeweiligen Zeitung nachgelesen werden können.

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„... und feierte am Abend in einem serbischen Kreise.“

Nach dem Attentat von Sarajewo

Noch am 1. Juli berichten die Zeitungen auf den Titelseiten ausführlich über das Attentat von Sarajewo. Der Schuldige steht natürlich fest: „Der grauenhafte Mord in Sarajewo ist das Werk großserbischer Propaganda, die ihre Herzstelle im Königreich Serbien hat“, weiß die Bonner Zeitung. Auf das Leben in Bonn haben die Ereignisse auf dem Balkan indes kaum Einfluss. Den Zeitungen ist nicht zu entnehmen, dass es Besorgnis oder Beunruhigung gibt. Im Gegenteil: Die Bevölkerung genießt die Sommerspektakel, die in der Stadt reichlich geboten werden: Am 1. und 2. Juli wird z. B. auf der Gronauwiese „die pyrotechnische Riesenschau ‚Der Brand von Moskau 1812’ vorgeführt“. Der General-Anzeiger berichtete am 3. Juli: “(...) Mit einigem Aufwand von Phantasie vermochte sich das staunende Publikum diesen schauerlichsten aller Riesenbrände vorzustellen. Es prasselte und knatterte, und Rauch und Flammen stiegen aus stinkenden Trümmern in den Nachthimmel (...).“ Einige Wochen später wird ein solches Szenario für die Soldaten bittere Wirklichkeit. Aber noch denkt niemand an Krieg. Noch wollen sich die Bonner amüsieren; die Reichs-Zeitung schreibt am 14. Juli: „Die Poppelsdorfer Kirmes hat in diesem Jahre infolge des herrlichen Sommerwetters einen Andrang wie seit langem nicht mehr. (...) Die Wirtshäuser sind überfüllt und verzapfen wahre Ströme an Getränken.“

Anfang Juli befindet sich Bonn ohnehin in Ferienstimmung. Am 1. Juli protokolliert die Reichs-Zeitung: „Oberbürgermeister Spiritus hat heute seinen Sommerurlaub angetreten. Er reist in den badischen Schwarzwald.“ Wilhelm II. beginnt seine Ferien erst eine Woche später: „Der Kaiser ist gestern Vormittag 9.15 Uhr von Potsdam nach Kiel abgereist, von wo er die Nordlandreise antreten wird“, meldet die Bonner Zeitung am 7. Juli. „Prinz und Prinzessin Schaumburg“ – die Bonner celebrities - fahren erst am 18. Juli nach Norderney, wie die Reichs-Zeitung zu berichten weiß. Die städtischen Behörden arbeiten nur noch mit halber Kraft (BZ v. 4. Juli), auch für das Gericht beginnen die Geschäftsferien, während die Schüler des Städtischen Gymnasiums „bei einer Durchschnittstemperatur von 28-30 Grad Celsius“ auf Hitzefrei verzichten müssen, was für beträchtlichen Unmut sorgt. (BZ v. 15. Juli) Für sie beginnen die Ferien erst am 5. August – da hat der Krieg schon begonnen.

Es ist heiß in jenem Juli 1914: „Pünktlich mit dem Beginn des Julimonats ist diesmal wieder ein Hitzesommer über Deutschland und einen großen Teil Europas gekommen, der in mancher Hinsicht an die große Wärme- und Dürreperiode des Jahres 1911 erinnert.“ So leitet die Bonner Zeitung vom 16. Julieinen langen Artikel über das Sommerwetter ein. Bereits am 3. Juli warnt die Reichs-Zeitung: „Aus allen Gegenden wird von Hitzschlägen und Todesfällen beim Baden in offenen Gewässern berichtet (...)“ Das Wetter beschert eine Rekordernte: „Zwetschgen und Pflaumen, stellenweise auch Reneclauden und Mirabelle, stellen überall in unserer Gegend eine recht gesegnete Ernte in Aussicht. Allenthalben hängen die Äste voll der schönsten Früchte.“ (GA v. 9. Juli) Indes steigt angesichts der Trockenheit die Feuergefahr: „Wanderer, jung und alt, seien daran erinnert, daß das Abkochen im Wald nicht statthaft ist.“ (BZ v. 18. Juli) Wenige Wochen später verbrennen die französischen Wälder im Feuer der deutschen Artillerie, und die Soldaten sterben auf dem Schlachtfeld, nicht am Hitzschlag oder beim Baden im See.

Überhaupt scheinen die Sorgen, die die Menschen im Juli 1914 umtreiben, angesichts des bevorstehenden Massensterbens rückblickend absurd. Sie zeigen aber auch, dass die Kriegsgefahr im Alltagsbewusstsein alles andere als präsent war. Noch wird der Kampf nur den Hutnadeln der Damen angesagt: „Die städtische Deputation für Bahnen hat beschlossen, vom 15. Juli ab Damen mit ungeschützten Hutnadeln von der Fahrt in den städtischen Straßenbahnen auszuschließen.“ (BZ v. 8. Juli) Der General-Anzeiger formuliert es einen Tag zuvor noch martialischer, wenn es heißt, dass „dem weiblichen Geschlecht, das mit ungeschützter Hutnadel die Straßenbahn benutzt, der Krieg erklärt“ wird. Hygiene wird groß geschrieben. Da wird beispielsweise ein neuartiges Plätteisen gelobt: „(...) Indem nun das heiße Plätteisen über die Wäsche fährt, finden die etwa noch durch den Waschprozeß nicht getöteten Bakterien den Tod. (...)“ (BZ v. 24 Juli) „Moderne Heißwasserbeschaffung“ wird propagiert: „(...) Schon früher war es ein geflügeltes Wort, daß der Kulturstand eines Volkes nach seinem Verbrauch an Seife gekennzeichnet werden kann, und in der Tat ist nichts so geeignet, die Gesundheit zu erhalten und zu festigen und Krankheiten zu verhüten, als größte Sauberhaltung des Körpers, der Kleidung und der Wohnräume. Die bequeme und möglichst billige Beschaffung heißen Wassers dürfte besonders geeignet sein, diese Bestrebung zu unterstützen.“ (BZ v. 26. Juli) Nimmt man diese Worte für bare Münze, dann sind die deutschen Soldaten schon einen Monat später auf ihrem Vormarsch nach Paris bar aller Kultur – und in der Tat wüten sie auf ihrem Weg durch das neutrale Belgien wie die Barbaren.

Noch am 25. Juli beklagt die Bonner Zeitung die Lärmbelästigung durch Singspielhallen und begrüßt „die Möglichkeit eines Einschreitens der preußischen Behörden gegen die Belästigungen der Nachbarschaft durch Musikautomaten und Orchesterkonzerte“. In der Tat erfreuen sich Konzerte und andere open air Veranstaltungen in jenem warmen Sommer großer Beliebtheit. Das Spektakel „Der Brand von Moskau“ – begleitet von einem großen Feuerwerk – wurde bereits erwähnt; Militärkonzerte sind ohnehin an der Tagesordnung. Für den 15. Juli kündigt die Bonner Zeitung einen „Sommerabend am Rhein“ an: „Das Festschiff Delphin (...) wird bei seiner Rückkehr mit einem Feuerwerk begrüßt werden. Das Schiff selbst sowie zahlreiche Motorboote werden beleuchtet sein. Dazu werden auf dem Delphin, auf der Terrasse des Hotels Royal, vor dem Rheineck und in Beuel Kapellen konzertieren.“ (BZ v. 13. Juli) Im Varieté-Theater „Sonne“ treten der „Ausbrecher-König“ Harry Marion, eine Verwandlungstänzerin, zwei Soubretten und der Napoleon-Darsteller Hoppkens auf. (BZ v. 18. Juli)

Das Hotel Royal wird nicht mehr lange den französischen Namen tragen; schon im August sind fremdsprachige Namen verpönt und werden durch deutsche ersetzt. Noch aber bestehen keine Berührungsängste mit dem späteren Feind. Offizielle Reisen nach England werden geplant: „Am 3. August tritt Professor Dr. Hagemann (...) mit etwa 25 Teilnehmern eine 14tägige Studienreise über Belgien nach England an, um dort die landwirtschaftlichen Verhältnisse und insbesondere die Tierzucht zu studieren.“ (BZ v. 11. Juli) Zu dieser Fahrt wird es nicht mehr gekommen sein. Vielleicht befinden sich ja unter den deutschen Soldaten, die nach Belgien einmarschieren, auch einige jener Studenten, die noch einen Monat zuvor mit ganz anderer Absicht durch dieses Land nach England reisen wollten. Noch am 15. Juli meldet die Bonner Zeitung: „Auf den französischen Kriegsgräbern des Alten Friedhofs hat am gestrigen französischen Nationalfeste eine Abordnung aus Köln einen Lorbeerkranz mit blau-weiß-roter Schleife niedergelegt.“

Bald ist das Attentat von Sarajewo kein Thema mehr. Am 20 Juli beginnt in Frankreich der Prozess gegen Madame Caillaux, die beschuldigt wird, den Direktor der Pariser Zeitung „Le Figaro“ erschossen zu haben. Der hatte Liebesbriefe, die ihr der damals noch mit einer anderen Frau verheiratete Mann, der Politiker Caillaux; geschrieben hatte, veröffentlicht und ihn der Bestechlichkeit bezichtigt. Betrachtet man den Umfang der Berichterstattung auf den Titelseiten, so ist dieser Prozess bis zum Freispruch der Madame Caillaux am 29. Juli für die Leser und Leserinnen im fernen Bonn scheinbar viel spannender als das, was sich auf dem fernen Balkan zusammenbraut. Was die Serbienkrise betrifft, so geht man immer noch von einer „Lokalisierung des Konflikts“ (BZ v. 20. Juli) aus. Noch am 23. Juli meldet die Bonner Zeitung: „Die friedliche Beilegung der bevorstehenden österreichisch-serbischen Auseinandersetzung ist noch immer die wahrscheinlichste.“

Allerdings begegnet man Ausländern, besonders wenn sie aus Serbien stammen, durchaus misstrauisch. In der ersten Julihälfte ist immer wieder in allen Lokalzeitungen vom „Serben Popovich, der seit einigen Wochen in Bonn weilt“ (BZ v. 7. Juli) die Rede. Der wurde in einem Schreiben eines Bonner Professors an die Wiener Reichspost mit dem Attentat von Sarajewo in Verbindung gebracht. Popovich besitze – so der Professor - „einflussreiche Verwandte und Freunde in Serbien, (...) habe vor der Mordtat geäußert, der österreichische Thronfolger werde den Kaiser keine zwei Jahre überleben, man werde sehen, was geschehe.“ Am gleichen Tag weiß die Deutsche Reichs-Zeitung: „Als die Nachricht über den Erfolg [des Attentats] eingetroffen war, fuhr er mit triumphierendem Lächeln durch die Stadt und feierte am Abend in einem serbischen Kreise.“ Zwei Tage später erscheint Popovich persönlich in der Redaktion der Bonner Zeitung, um alle Vorwürfe abzustreiten: „Er habe von dem Mord erst abends erfahren“, heißt es abschließend in der Bonner Zeitung vom 9. Juli. Zwar hält der Bonner Professor in der Ausgabe der Bonner Zeitung vom 10. Juli seine Darstellung der Ereignisse aufrecht, aber schon bald verschwindet der „Serbe Popovich“ sang- und klanglos aus den städtischen Meldungen. Die Berichterstattung über ihn gibt aber bereits einen Vorgeschmack auf die Angst vor ausländischen Agenten und Spionen, die ab August die Zeitungsmeldungen beherrscht.

Schon nach dem 28. Juni, dem Tag des Attentats, werden vereinzelt Stimmen laut, die den Krieg heraufbeschwören. Der Festredner auf dem Sommerfest, das der kriegstreiberische Alldeutsche Verband am 30. Juni pikanterweise in der Villa Friede in Mehlem veranstaltet, warnt vor den „Gefahren, die uns umdreuen“ und droht dem Feind: „Ausgerüstet mit der vortrefflichen kriegerischen Wehr und mit der alten Kraft der Hingabe an das Vaterland werden wir dann siegreich alle Gefahren überwinden, die uns auf unserem Schicksalswege drohen.“ (BZ v. 2. Juli) Damit bedient er sich einer Diktion, die insbesondere am Ende des Monats Juli vorherrschend ist. Auf dem Sommerfest der nationalliberalen Partei in der folgenden Woche erwähnt der Festredner Geheimrat Schulze dagegen eine potenzielle Kriegsgefahr mit keinem Wort. (BZ v. 6. Juli)

Anlässlich der Vaterländischen Festspiele des Vereins für Körperpflege in der Gronau schlägt auch der Vorsitzende des Festausschusses, der Beigeordnete Dr. von Gartzen in seiner Eröffnungsansprache durchaus martialische Töne an, wie die Bonner Zeitung am 20. Juli berichtet: „(...) Und sollte einst Feindeshand das zu zerstören wagen, was lange Friedensarbeit gebaut, dann werden auch Bonns Krieger kraftvoll sich um ihren Kaiser scharen, zu schützen der Väter stolzes Erbe, freudig bereit zu sterben und zu siegen für ihr Vaterland und für ihren Kaiser (...).“ Damit ist bereits das Programm formuliert, das ab August allenthalben gepredigt wird: Schuld am Krieg haben die anderen, süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben.

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„Heil dir im Siegerkranz“

Die Juli-Krise

Ende des Monats – während der sogenannten Juli-Krise - schlägt die Stimmung endgültig um. Nachdem Österreich-Ungarn am 23. Juli Serbien das Ultimatum gestellt, die serbische Regierung am 25. Juli mit der Mobilmachung der Armee geantwortet und der russische Kronrat am selben Tag die Unterstützung Serbiens beschlossen hat, erklärt Österreich-Ungarn am 28. Juli Serbien den Krieg: Die serbische Antwort auf das österreichische Ultimatum war für unzureichend befunden worden.

Am 27. Juli titelt die Bonner Zeitung: „An der Schwelle des Krieges“. Die Zeitungen schildern ausführlich die patriotischen Kundgebungen, die wie in anderen Städten des Deutschen Reiches seit dem Wochenende auch in Bonn stattfinden: „Die Kriegsnachrichten halten ganz Bonn seit Samstag abend in Aufregung und Spannung. In der Nacht zum Sonntag wurden die Straßen nicht leer, die größeren Gasthäuser waren bis zum Morgen geöffnet und von nichts anderem wurde gesprochen als von den Nachrichten aus Wien und Budapest, die die Extrablätter der Zeitungen verbreitet hatten. (...)“ (RZ v. 27. Juli) Die Deutsche Reichs-Zeitung, der General-Anzeiger und die Bonner Zeitung berichten im ähnlichen Wortlaut von studentischen Umzügen, Reden vor dem Kaiser-Denkmal, patriotischen Kundgebungen anlässlich der sonntäglichen Promenadenkonzerte in der Poppelsdorfer Allee, von „Heil dir im Siegerkranz“ und der „Wacht am Rhein“.

Lediglich der Volksmund schlägt in seiner Mittwochsausgabe am 29. Juli einen anderen Ton an: „Deutschnationale Ladenjünglinge und deutschvereinliche Studenten produzieren ‚Patriotismus’ mit Kehlen und Lippen auf Straßen und Plätzen. Bis tief in die Nacht hinein dauert der Radau. Sinnlos brüllen sie durcheinander: wer will des Stromes Hüter sein, ich bin ein Preuße, Deutschland über alles (...).“ Und während die übrigen Blätter die allgemeine Kriegbegeisterung des deutschen Volkes schüren, warnt der Volksmund, all die, die jetzt nach „Krieg“ schrieen, hätten „natürlich keine Ahnung, was ein Krieg bedeutet, den sie mit frevlem Leichtsinn herbeizuwünschen scheinen“. Mit drastischen Worten werden die Schrecken des Kriegs heraufbeschworen und die Tageszeitungen aufgefordert, „alles zu vermeiden, was der ungesunden, eklen, geradezu gefährlichen Sensationslust der Gassen- und Kaffee- und Bierhauspolitiker Vorschub leistet.“  

Am 30. Juli gibt sich auch die Reichs-Zeitung nachdenklicher. Nachdem sie über erneute patriotische Kundgebungen berichtet hat, mahnt sie: „Wir sind aber der Meinung, daß man angesichts des ungeheuren, folgenschweren Ernstes der politischen Lage mehr im Interesse des Vaterlandes handelt, wenn man Kundgebungen für den Frieden, statt Kriegsdemonstrationen veranstaltet. Noch am 31. Juli – die russische Armee hat am Tag zuvor mit der Generalmobilmachung begonnen – warnt sie davor, durch unbewiesene Nachrichten über einen bevorstehenden Krieg Unruhe in der Bevölkerung hervorzurufen. Eine „Mahnung zu Besonnenheit“ spricht auch die Bonner Zeitung am 29. Juli aus. Der Hintergrund: Man befürchtet überstürzte „Effektenverläufe als auch Depotabhebungen“ und einen Tag später das „unnötige Abheben von Spargeldern“, das die Lage nur verschärfen könnte, wie die Ortgruppe Bonn des Hansabundes hervorhebt. (BZ v. 30.Juli)

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„Vorwärts! Drauf und dran!“

Das „August-Erlebnis“

Am 1. August verkündet die Bonner Zeitung auf der Titelseite: „Deutschland im Kriegszustand!“ Die Reichs-Zeitung druckt die Rede, die Oberbürgermeister Spiritus am Tag zuvor vor der Stadtverordneten-Versammlung gehalten hatte, in voller Länge ab. Der mahnt, in einer Situation, in der „in unserem Vaterlande die Mobilmachung befohlen werden kann“, doch die Ruhe zu bewahren und bitte schön nicht die Banken und Sparkassen zu stürmen, das Geld sei sicher! Wenn es denn aber hart auf hart komme, wenn „aber unser Kaiser und König sich genötigt sehen sollte, mobil zu machen, den Krieg zu erklären, dann wissen wir, daß das nicht leichtfertig vom Kaiser geschieht, sondern das ernste Erwägungen ihn und seine Ratgeber bestimmen, den Frieden mit dem Krieg zu vertauschen, dann wollen wir geeint dastehen, wir in unserer Stadt und geeint in unserem Vaterlande. Wir wollen uns leiten lassen von dem schönen Wort: Wir Deutschen fürchten Gott und nichts anderes in der Welt.“ „Bravo“, kommentieren die Stadtverordneten laut Reichs-Zeitung diesen patriotischen Appell.

Die Stadt stellt sich auf den Krieg ein. Schon seit dem Abend des 30 Juli wird die Rheinbrücke militärisch bewacht; die Gaslaternen werden außer Funktion gesetzt, sodass die Brücke nachts unbeleuchtet ist. Und: „Auf dem Dach des Gymnasiums steht eine starke Beobachtungsmannschaft, die mit Fernrohren bewaffnet, Ausschau über die Umgebung hält, wahrscheinlich um zu alarmieren, wenn ein feindliches Flugzeug in Sicht kommen sollte.“ (RZ v. 31.Juli) Bewacht wird ebenfalls die Viktoriabrücke, wie auch die Unterführungen und Übergänge der linksrheinischen Eisenbahn. Denn: „Gestern Nachmittag fuhren mehrere Militär-Sonderzüge mit Koblenzer und Trierer Artillerie- und Infanteriemannschaften rheinaufwärts an Bonn vorbei“, meldet die Reichs-Zeitung am Tag zuvor.

„Der Verkehr der Eisenbahn wird (...) aus Gründen der Landesverteidigung in einem Grade eingeschränkt, daß man nur auf eine gelegentliche Not- und Zufallsbeförderung rechnen kann.“ (BZ v. 3. August) Rheinuferbahn, Vorgebirgsbahn und Straßenbahnen reduzieren ihren Betrieb ebenfalls. Dabei herrscht auf dem Bahnhof großer Andrang, denn: „Sämtliche Ausländer, namentlich Franzosen und Holländer, reisen seit Freitag nachmittag von hier wieder in ihre Heimat zurück, ebenso viele Studierende und Schülerinnen der hiesigen Pensionate.“ (GA v. 2. August) In dieser Ausgabe wird auch berichtet: Die Lebensmittelpreise steigen, die Sparkasse zahlt „nach erfolgter Mobilmachung“ nur noch 150 Mark innerhalb einer Woche aus, der Bonner Turnverein erklärt sich bereit, durchfahrende Truppen zu versorgen und sich am Transport Verwundeter in die Lazarette zu beteiligen. In einem Extrablatt des selben Tags verkündet die Zeitung auf der Titelseite, dass sich in Bonn „nach Bekanntwerden der Mobilmachungs-Ordre bereits mehrere hundert Freiwillige gemeldet“ haben.

Die Schulen schließen bereits vor dem offiziellen Ferienbeginn; die Schüler sollen bei den Erntearbeiten helfen, statt die Schulbank zu drücken. Die Bestimmungen über die Sonntagsruhe werden außer Kraft gesetzt. (GA v. 3. August) Verlobte entscheiden sich spontan zur Eheschließung: „Beim Standesamt in Bonn sind am Samstag früh bis heute abend 46 Kriegsheiraten vollzogen worden“, meldet die Bonner Zeitung am 3. August.

Am 4. August – Deutschland hatte inzwischen Russland und Frankreich den Krieg erklärt – schickt der Rektor der Universität ein „Huldigungstelegramm“ an den Kaiser; die Bonner Zeitung berichtete einen Tag später, der Kaiser habe „zu antworten geruht“. In der gleichen Ausgabe verkündet sie: „Alle in Bonn studierenden Burschenschafter haben sich (...) freiwillig zum Dienst gemeldet“. „Öffentliche Lustbarkeiten“, z. B. in der Germania-Halle, werden abgesagt (BZ v. 5. August), unter freiem Himmel finden Bittgottesdienste statt, es gibt die ersten Einquartierungen in Bonner Privathaushalten, und Schüler der Oberprimen können eine „Notreifeprüfung“ ablegen. (BZ v. 6. August) „Die Kessenicher Kirmes und voraussichtlich auch die anderen Kirmessen im Stadt- und Landkreise Bonn werden nicht gefeiert.“ (GA v. 11. August)

Der Volksmund hat seinem Pazifismus im Zeichen des Burgfriedens abgeschworen. Russland, England und Frankreich haben Deutschland trotz aller „Bemühungen des Kaisers, seinem Reich das Unheil des Krieges fern zu halten“ zum Kampf gezwungen: „Vorwärts! Drauf und dran! Das ganze internationale Völkergewimmel soll erfahren, was es heißt, ein gesundes Volk von achtundsechzig Millionen Menschen vernichten zu wollen! Zeigen wir den Feinden, daß ein starker Atem noch in uns geht und daß das Mark noch nicht aus unseren Knochen gewichen ist. Wollt ihr Hiebe: nur heran. Wir können und werden jetzt schlagen. Und, mag die ganze Welt es hören, nicht zu knapp.“ (Volksmund v. 5. August)

Ob wirklich ganz Bonn in den ersten August-Tagen in Kriegsbegeisterung schwelgt, wie es die Lokalzeitungen suggerieren, ist kaum auszumachen. Es ist inzwischen wissenschaftlich belegt, dass das sogenannte Augusterlebnis nicht alle Deutsche zu patriotischen Höhenflügen veranlasste; es war vor allem das männliche Bürgertum, das sich an diesen von der Lokalpresse ausführlich beschriebenen Jubelfeiern Hüte schwenkend beteiligte. Die „kleinen Leuten“ und insbesondere die Landbevölkerung, die für die schwere Arbeit auf männliche Arbeitskraft nicht verzichten konnte, blickte eher skeptisch in die Zukunft.

Aber kritischen Stimmen wird in der Bonner Presse kein Raum mehr gegeben. Fast angewidert schildert die Bonner Zeitung vom 2. August einen Vorfall, der sich „in einer hiesigen Wirtschaft“ zutrug. Junge Leute, „die den gebildeten Ständen angehörten“, hatten die Marseillaise angestimmt, dabei waren es „keine Ausländer, es waren Deutsche, die das taten! (...) Sie mögen sich schämen!“ Immerhin gibt es Männer, die „sich dem Militärdienst entzogen haben“: Sechs namentlich genannte Personen werden gerichtlich vorgeladen, zwei weitere werden „wegen Fahnenflucht“ steckbrieflich gesucht. (RZ v. 12. August)

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„...und gute deutsche Worte treten an seine Stelle.“

Weg mit allem, was nicht deutsch ist!

Schon bald wird Hass auf alles Fremde geschürt. Der äußert sich bereits in den ersten Kriegswochen in einer wahren Umbenennungswut. „Mit großer Genugtuung vernehmen alle aufrichtig deutsch gesinnten Männer und Frauen, daß unter dem Eindruck der deutschfeindlichen kriegerischen Ereignisse mehr und mehr die fremdsprachlichen Bezeichnungen deutscher Geschäfte von den Aushängeschildern verschwinden. (...) Hier in Bonn hat der erste Gasthof seinen schon beanstandeten Namen Hotel Royal nun in „Königlicher Hof“ umgeändert“, meldet die Bonner Zeitung am 11. August.

In der Rubrik „Eingesandt“ in der Bonner Zeitung vom 27. Oktober beschwert sich ein Schreiber, „daß die hiesige englische Teestube noch immer von einem nicht geringen Teil der Bonner Gesellschaft besucht wird“, und das angesichts der „englischen Rohheiten gegen unsere Landsleute“! Bereits am nächsten Tag erfolgt die Reaktion mit einer langen Richtigstellung. Kurz zusammengefasst: Die Inhaberin der Teestube sei eine Irin, überdies mit einem Deutschen verheiratet, der an der „Front gegen Frankreich“ stehe. Seit Kriegsbeginn würden zudem keine englischen Erzeugnisse mehr angeboten. Dennoch: In einer Anzeige vom 30. Oktober wird bereits die „Teestube Sürst 61“ beworben.

Und was sagt der gute Deutsche zum Abschied? Auf keinen Fall „Adieu“: „Was soll’s denn auch mit diesem fremden Laut, da nun endlich eine große Zeit emporflammt. (...) Haben wir nicht unsere alten deutsche Grüße ‚Auf Wiedersehen!’ und ‚Grüß Gott’?“, fragt die Reichs-Zeitung am 12. August und freut sich in der gleichen Ausgabe: „An vielen Häusern wird das ‚On parle francais, ‚English spoken’ usw. überklebt oder ausgemeißelt und gut deutsche Worte treten an seine Stelle. (..) Das alles ist höchst erfreulich. Hoffentlich lebt nach diesem Vernichtungskampf die Fremdtümelei nicht noch einmal auf.“

Am 27. August meldet sich der Vorsitzende des Bonner Zweigvereins des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins im „Sprechsaal“ des General-Anzeigers mit einem vehementen Plädoyer für die „Deutsche Sprachreinigung“ zu Wort und schließt mit den markigen Worten: „Also fort nicht nur mit dem törichten Adieu, sondern auch mit allem übrigen fremden Flitterwerk in deutscher Rede und Schrift!“

Einem Dr. K muss das aus dem Herzen gesprochen sein; er beklagt in der Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“ der Reichs-Zeitung vom 21. September den Gebrauch der „Wörter französischen Ausdrucks, wie z.B. Perron, Billet, Coupé“ und schlägt u.a. vor, „die oben bemängelten Wörter (...) durch die richtigen deutschen Ausdrücke und zwar Bahnsteig, Fahrkarte, Abteil“ zu ersetzen. Unglücklicherweise spricht ausgerechnet dieser Herr von „unserer deutschen Orthographie“ – was ohnehin schon unsinnig ist, da er sich ja auf die Lexik bezieht – und muss sich von der Redaktion mit einem eingeklammerten Kommentar belehren lassen: „soll wohl heißen Rechtschreibung“.

Am 6. Dezember veröffentlicht die Bonner Zeitung den Vorschlag des Deutschen Fleischerverbandes aus der Allgemeinen Fleischer-Zeitung, demzufolge endlich Schluss sein muss mit den Fremdwörtern zur Benennung von Fleischwaren. Die Liste ist endlos lang und enthält Wörter wie „Fleischröllchen“ für „Roulade“, „Würzfleisch mit brauner oder weißer Tunke“ für „Fricassé“, „Schlackwurst“ für „Zervelatwurst“. Am 20. Dezember schließlich meldet der General-Anzeige, endlich habe die Staatsbahnverwaltung die Verfügung erlassen, die Brustschilder mit der Aufschrift „Portier“ für die entsprechenden Bahnbediensteten abzuschaffen; sie „sollen jetzt solche mit der vorschriftsmäßigen Bezeichnung ‚Pförtner’ erhalten“.

Angesichts dieser Umbenennungswut in allen Bereichen des zivilen Lebens ist es kaum zu glauben, dass es gerade im militärischen Wortschatz keine Veränderungen zu verzeichnen gibt: Bei militärischen Rängen wie Major, General, Leutnant usw., bei Bezeichnungen wie Bataillon, Korps usw. kommt an keiner Stelle eine Diskussion auf.

Nicht nur Fremdwörter, auch ausländische Mode fällt unter Verdikt: „Ueberall sieht man noch Pariser Kleiderauswüchse als z.B. Schlitzröcke, Florstrümpfe, gewagten Ausschnitt usw. Man braucht kein Nuditätenschnüffler zu sein, um an diesem Treiben Aergernis zu nehmen“, mahnt die Bonner Zeitung am 16. August.

„Eine, die sich immer darüber ärgert, fügt in der Rubrik „Sprechsaal“ im General-Anzeiger vom 8. September hinzu, „daß auch die Männer eine Mode fallen lassen dürften, und zwar den gestutzten ‚englischen’ Schnurrbart“, der stattdessen „als Zierde des Mannes wachsen darf“.

Des Weiteren werden die Bonner und Bonnerinnen aufgefordert, „deutsche Waren“ zu kaufen; nicht immer ganz einfach einzulösen, denn: „Viele Kaufleute und Geschäfte haben in der Tat noch große Bestände ausländischer Waren auf Lager. Werden sie nicht abgenommen, so bedeutet das eine große wirtschaftliche Schädigung. Aber dann – wenn diese Waren verkauft sind, deutscher Kaufmann und deutscher Käufer: dann beherzige den Satz: Kaufe als Deutscher deutsche Waren.“ (DRZ v. 21. August)

Am 20. November lobt die Bonner Zeitung: „Während hier [in deutschen Hutgeschäften; S.H.] bis zum Ausbruch des Krieges englische Waren allgemein Trumpf waren, ist das Publikum nun endlich vernünftig geworden und verlangt in den Läden nicht mehr den bis dahin so viel begehrten englischen Hut, dessen Vorzüge hauptsächlich in der Einbildung der Käufer lagen.“ Dabei gibt es allerdings ein neues Problem, denn inzwischen macht sich allerorten Knappheit bemerkbar, so auch in der deutschen Wollindustrie, die „vorläufig durch die Beschlagnahme der Wollvorräte in den Hutfabriken zum Stillstand gebracht ist“.

Einige Produkte, die in der Vorkriegszeit mit ihrer englischen Herkunft beworben wurden, sind nun plötzlich deutsch: “Zum Beispiel sendet jetzt eine Firma, die “englischen” Stahl in Deutschland verkaufte, an ihre Kunden ein Rundschreiben des Inhalts, daß sie mit der Firma in Sheffield (...) alle Beziehungen abgebrochen habe. Den Stahl, den sie bislang ihren Kunden als „Sheffield-Stahl“ geliefert habe, könne sie trotzdem jederzeit weiterliefern, da dieser schon immer deutscher Stahl aus Westfalen gewesen sei und nur von Sheffield aus berechnet worden sei!“ (BZ v. 21. August)

Andererseits sind Waren, die deutsch klingende Namen haben, nun plötzlich englischer Herkunft und werden deshalb mit dem Bannfluch belegt: „Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat einen Erlaß an alle Eisenbahndirektionen gerichtet, wonach in den Bahnhofswirtschaften der weitere Verkauf von ‚Apollinariswasser’ zu verbieten ist. Dem Namen nach ist der Brunnen Eigentum einer deutschen Gesellschaft, in Wirklichkeit gehört er einem englischen Unternehmen.“ (BZ v. 27. November)

Auch Liebigs Fleischextrakt entpuppt sich als „englisches Erzeugnis“; die „Pharm. Ztg. Nr. 77, 1914“ informiert, dass die Herstellerfirma „eine 1865 zu London unter der Firma ‚Liebigs Extract of Meat Company, Ltd.’ gegründete englische Gesellschaft“ sei, die darüber hinaus die Unverschämtheit besitzt ,“die französischen und englischen Truppen (...) mit Fleischextrakt, Fleischkonserven und Oxo-Bouilllon“ zu versorgen. „Die Schlußfolgerung für die deutschen Verbraucher ergibt sich von selbst“, konstatiert die Bonner Zeitung am 30. Oktober.

Ein guter deutscher Patriot will nun auch nicht länger Träger eines englischen Ordens sein. So meldet der General-Anzeiger am 11. September, dass „Herr Geheimer Justizrat Dr. Philipp Zorn (...) das Ehrenritterkreuz des Order of the Hospital of St. John“ zurückgegeben habe. „Das Beispiel verdient Nachahmung“, kommentiert die Zeitung.

Ausländer dürfen nicht mehr an preußischen Schulen und Universitäten lehren. Und auch Schüler und Studierende ausländischer Herkunft werden ab sofort nicht zugelassen. Eine entsprechende Verfügung des Kultusministers veröffentlicht die Reichs-Zeitung am 6. September.

Der Fremdenhass gilt sogar ausländischen Hunderassen: “Französische Bordeaux-Doggen, französische Zwergbulldoggen mit Fledermaus-Ohren, französische Affenpinscher , (...) russische Schnauzer, englische Foxterrier, japanische Chin-Hündchen, englische Wachtelhündchen und wie das fremdländische Zeug noch heißt, hat sich in den letzten Jahren bei fast allen deutschen Hundeliebhabern so fest eingewurzelt, daß es einem deutschen Hundezüchter rein unmöglich wurde, seine noch so rein und edel durchgezüchteten Hunderassen an den Mann zu bringen (...)“, meint ein „Liebhaber deutscher Hunderassen“ in der Rubrik „Sprechsaal“ des General-Anzeigers vom 10. September, ein weiteres Beispiel dafür, dass nicht nur die Lokalzeitungen selbst eine ausländerfeindliche Stimmung schüren, sondern auch ihren Lesern eine Plattform bieten, ihrem Hass auf alles Fremde Ausdruck zu verleihen.

Dürfen auf deutsche Bühnen eigentlich die Werke Shakespeares aufgeführt werden? Darf in schweren Zeiten überhaupt Theater gespielt werden? Ja, heißt es in der Rubrik „Aus Kunst, Wissenschaft und Leben“ der Bonner Zeitung vom 29. September: „Der Spielplan sollte zugleich deutsch und national sein. Die bekannte Ausländerei mußte also aus dem Spielplan der deutschen Bühnen ausgemerzt werden.“ Aber Shakespeare? Den müsse man ganz einfach zeigen, weil der „so etwas wie ein deutscher Dichter geworden ist. Oder, wie Heine einmal sagt, weil es kein Mensch begreifen kann, daß Shakespeare ein Engländer ist“.

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„...solche gefährlichen Personen unschädlich zu machen...“

Die Angst vor Agenten und Spionen

Seit der Mobilmachung grassiert in ganz Deutschland – wie nicht minder auch in den anderen kriegführenden Nationen - eine hysterisch übersteigerte Angst vor feindlichen Spionen, die sich in Bonn bereits im Juli mit der Povopich-Episode ankündigte.

Am 3. August veröffentlicht die Bonner Zeitung eine amtliche Mitteilung aus Berlin, der zufolge „russische Offiziere und Agenten in großer Zahl unser Land“ bereisen. Appelliert wird an das „patriotische Pflichtgefühl“; das gesamte Volk solle mitwirken, „solche gefährlichen Personen unschädlich zu machen“.

Warnungen wie diese alarmieren natürlich auch die Bonner und führen nicht selten zu Überreaktionen: „Gestern wurden der Polizei mehrere Personen wegen Spionageverdachts vorgeführt.“ Die konnten sich aber ausweisen und wurden unverzüglich freigelassen, nachdem man einen jungen Mann, „Sohn einer alten Bonner Familie“, beim Transport zum Polizeiamt „beinahe gelyncht“ hatte. Trotz Ermahnungen durch die Polizei gab es „danach neue Ausschreitungen gegen die unschuldig Verhafteten“. (RZ v. 3. August)

„Angesichts dieser Spionenfurcht dürfte es angebracht sein, dem Publikum Ruhe und Mäßigung anzuempfehlen“, mahnt die Bonner Zeitung schon am 3. August. Am gleichen Tag schürt dagegen der General-Anzeiger Angst, wenn er vor „russischen Spionen“ warnt und auffordert: „Man möge der Behörde bei ihrer Festnahme behülflich sein.“

Die zwischenzeitlich beschwichtigend einwirkende Bonner Zeitung richtet am 6. August den Appell an ihre Leser und Leserinnen: „Wer Kenntnis oder auch den Verdacht hat, daß Ausländer, die den feindlichen Nationen angehören, noch in der Stadt verweilen, hat die Verpflichtung, dem Polizeiamt sofort Meldung zu machen.“ Und am selben Tag informiert der General-Anzeiger: „Elf Spione sollen nach einer amtlichen Bekanntmachung des Bürgermeisters von Euskirchen am Sonntag in Köln erschossen worden sein.“

Kein Wunder, dass alles Fremde unter Verdacht gerät: „Ein Kraftwagen, der die Marke einer belgischen Firma trug, ist gestern nachmittag auf dem Markt angehalten worden. Von den beiden Insassen behauptet der eine, Aachener zu sein“, meldet die Bonner Zeitung am 7. August.

Über die Angst vor Spionen im „Feindesland“ macht sich dagegen die Bonner Zeitung lustig: „Die Spionenfurcht treibt in London derartige Blüten, daß selbst die englischen Zeitungen darüber zu spotten beginnen. Der Evening Standard veröffentlicht folgenden Dialog: ‚Was machen Sie hier? Sie wollen doch sicher spionieren?!’ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges Individuum. ‚Nein, ich wollte nur einbrechen!’ ‚dann entschuldigen Sie bitte!“ (BZ v. 9. Oktober)

Am 27. Oktober sind die Engländer in der Reichs-Zeitung Zielscheibe des Spionageverdachts. Zitiert wird aus einem Artikel in der Daily Mail, „die noch giftiger als die Times gegen Deutschland hetzt“. Der gibt „mit erschreckender Treue Gespräche und Aeußerungen“ wieder, die nach Meinung des Verfassers ein Spion in Berlin belauscht hat. Daraus folgt: „Wer seines Vaterlandes Wohl will, sollte Dinge, die anderen Quellen als den Zeitungen entspringen und ihm zufällig zu Ohren kommen, nie weitererzählen und insbesondere Ausländern und irgendwie verdächtigen Personen gegenüber größte Zurückhaltung beachten.“

Am 5. November mahnt auch Bonner Zeitung: „Fein den Mund gehalten!“ Da sich „zahlreiche Spione und Agenten“ in Deutschland aufhielten und begierig Nachrichten sammelten, möge man doch bitte darauf achten, was man in der Öffentlichkeit leichtfertig erzählt: Der Feind hört schließlich mit. „Möchten doch hier die Beteiligten bedenken, daß der Krieg um unsere Existenz eine zu ernste Sache ist, um etwa über ihn in einem Kaffeekränzchen zu plaudern.“

Nicht einmal im eigenen Heim ist man geschützt, denn immer noch arbeiten „in zahlreichen deutschen Familien Engländerinnen und Französinnen als Erzieherinnen und Gesellschafterinnen“. Die Bonner Zeitung zitiert warnend aus der Tgl. Rundschau über einen Fall von Verrat: „Die Erzieherin hatte das militärische Geheimnis aus einem in der Familie verlesenen Brief des im Felde stehenden Hausherrn erfahren“ und fügt kommentierend hinzu: „Es ist bewiesen, daß in Deutschland vom feindlichen Ausland eine weitverzweigte Spionageorganisation unterhalten wird, die sich besonders damit befaßt, aus den Feldpostbriefen wichtige Nachrichten   zu erfahren und dann an unsere Feinde weiterzugeben.“ (BZ v. 14. November)

Am 26. September wird in einem von „Urban“ gezeichneten Artikel im Volksmund die Frage gestellt, was wohl aus den vielen der Spionage bezichtigten Ausländern geworden ist, um dann einen Franzosen, Lektor der französischen Sprache an der Universität, aufs Korn zu nehmen. Dessen Sohn sei schließlich aktiver Leutnant in der französischen Armee. Da sei es doch nahe liegend, dass Menschen wie er „hier doch manches ausspionieren und verraten können“. „Urban“ fordert ganz entschieden, „hier bald Klarheit“ zu schaffen, will sagen, den Professor seines Postens zu entheben. Von der bereits zitierten Verfügung des preußischen Kulturministers ist hier indes nicht die Rede.

Die Franzosen sind es, die sich laut Bonner Zeitung vom 7. Dezember einen ganz besonderen „Kniff“ haben einfallen lassen. Sie veranlassen deutsche Kriegsgefangene, sich ihre Militärpapiere nachschicken zu lassen. Mit diesen Dokumenten ausgestattet, reisen dann französische Spione ein und können „ihrem lichtscheuen Gewerbe hier in Deutschland leichter nachgehen“. So ergeht die Mahnung, den „Aufforderungen zur Einsendung von Militärpapieren unter keinen Umständen“ Folge zu leisten.

„Spione überall“, warnte die Bonner Zeitung am 18. Dezember. Dieses Mal richtet sich die Warnung an die Soldaten auf Bahnhöfen und in Zügen, wo sich vorzugsweise Spione und ihre Helfeshelfer „herumtreiben“. Man möge auf keinen Fall mit Kameraden „über Truppeneinstellungen, Truppenverschiebungen, Neuformationen und andere militärische Maßnahmen“ sprechen. Und: „Fremde, die euch bedrängen und euch aushorchen wollen, meldet sofort den Bahnbeamten! Der deutsche Soldat muß für sein Vaterland nicht nur kämpfen, sondern auch schweigen können!“

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„...aus der Luft gegriffene, beunruhigende Gerüchte Verbreitung gefunden...“

Falschmeldungen

Insbesondere in den hektischen ersten Kriegswochen brodelt allerorten die Gerüchteküche. Bereits am 5. August sehen sich die Stadtwerke in der Bonner Zeitung zum Dementi gezwungen, die Lieferung von Gas, Wasser und Elektrizität werde eingeschränkt.

Immer wieder müssen Falschmeldungen über das Kriegsgeschehen korrigiert werden: Menschen, die sich vor den Schaufenstern der Lokalzeitungen versammeln, verbreiten die wildesten Gerüchte: Die deutsche Flotte habe die russischen zum Teil vernichtet, die Österreicher hätten 20.000 Serben gefangen, vor Helgoland seien englische Kriegsschiffe gesichtet worden... „Was an diesen Gerüchten Wahres ist, steht zur Stunde, da wir dieses schreiben, noch nicht fest“, heißt es dazu in der Reichs-Zeitung vom 7. August. Nein, es stimmt nicht, dass vier englische Kriegsschiffe an der dalmatinischen Küste von den Oesterreichern vernichtet worden seien, weiß dagegen die Bonner Zeitung vom 23. August.

Auch Ende August schwirren absurde Gerüchte umher, wie der General-Anzeiger am 1. September berichtet: England habe Holland ein Ultimatum gestellt, der Kaiser habe der holländischen Königin 100.000 Mann zu Verteidigung der Küste zugesichert, Belfort sei gefallen, der belgische König gefangen genommen worden... Bitte verschont uns mit diesen unbewiesenen Behauptungen, bittet die Zeitung und verspricht, „daß über entscheidende Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz von uns sofort durch Sonderausgaben öffentlich Kenntnis gegeben wird“.

Am 6. November dementiert die Reichs-Zeitung mit Berufung auf das Wolff Telegraphen Büro die Meldung, Verdun sein gefallen.

Da die Gerüchteküche in diesen ersten Kriegmonaten weiterbrodelt, erlässt das stellvertretende Generalkommando in Stuttgart eine Bestimmung, die die Reichs-Zeitung am 30. November veröffentlicht: „In den letzten Wochen haben zu wiederholten Malen in Stadt und Land mit Beziehung auf den gegenwärtigen Krieg völlig aus der Luft gegriffene, beunruhigende Gerüchte Verbreitung gefunden. Ich (...) verfüge gemäß § 4 und 9 Ziffer b des Gesetzes über den Belagerungszustand von 4. Januar 1851 folgendes: Wer vorsätzlich oder fahrlässig (...) falsche Gerüchte ausstreut oder verbreitet, (...) wird (...) mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft.“

Bereits im Oktober war es in Straßburg zu einer Verurteilung gekommen, über die die Bonner Zeitung am 20. des Monats unter der Überschrift „Eine Warnung für Kriegsschwätzer“ berichtet. Ein dort ansässiger Händler hatte sich in einer Wirtschaft über hohe deutsche Verluste bei Reims, über Kriegsentschädigungen, die Deutschland an Belgien zu zahlen habe usw., ausgelassen: „Unter Berücksichtigung seiner zur Schau getragenen Böswilligkeit verurteilte ihn das Kriegsgericht zu einem Monat Gefängnis.“

Ab Ende September gibt es wiederholt Todesmeldungen von der Front, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Die Reichs-Zeitung schreibt am 23. September von zwei Fällen, bei denen in der Heimat schon Seelenämter für einen Toten gelesen worden seien; später stellte sich heraus, dass die Soldaten lediglich verwundet waren. Unter der Überschrift „Tot – zurück!“ warnt sie am 3. Oktober erneut, solchen Vermerken auf Feldpostbriefen zu trauen, da immer wieder „Totgesagte (...) zurückgekehrt sind“. Sie fordert: „Die Angehörigen können verlangen, daß solche schwerwiegenden Nachrichten auch äußerlich durch die Autorität der zuständigen Behörde getragen und als solche erkennbar sind.“

Das Verbot, Gerüchte zu verbreiten, wird im Dezember ausgeweitet. Die Bonner Zeitung veröffentlicht am 11. Dezember die Bekanntmachung des „Guvernörs der Festung Köln“, nach der nicht nur die „Verbreitung unwahrer Nachrichten“, sondern auch „jede deutschfeindliche Kundgebung“ mit Gefängnis bestraft werden kann.

Künstler waren wegen ihrer kritischen Haltung bereits im Oktober boykottiert worden. Am 13. Oktober druckt der General-Anzeiger eine Verlautbarung der Leitung des Wallraf-Richartz-Museums ab, mit der die Entfernung eines Gemäldes von Ferdinand Hodler begründet wird. An der leeren Stelle findet der Museumsbesucher nun eine Tafel: „An dieser Stelle hing ein Bild von Ferdinand Hodler, der sich nicht gescheut hat, einen Genfer Protest mit zu unterzeichnen, in dem die Rede ist von einem ungerechtfertigten Attentat der Vernichtung der Kathedrale zu Reims, das nach der beabsichtigten Zerstörung historischer und wissenschaftlicher Schätze in Löwen einen neuen Akt der Barberei bedeutet und die ganze Menschheit herausfordert.“ Auch andere Maler und Schriftsteller, „die Deutschland des Barbarentums beschuldigen“, werden mit dem Bannfluch belegt.

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„...nicht angebracht, bei den Soldaten Geschäfte machen zu wollen...“

Von Bonn aus an die Front

Schon vor Kriegsbeginn konnte Bonn als Garnisonsstadt auf eine lange militärische Tradition zurückblicken. Seit 1852 war hier das Husaren-Regiment stationiert, das seine besonderen Weihen dadurch erhielt, dass der preußische Prinz Wilhelm und spätere König Wilhelm I. Chef und Namensgeber des Regiments wurde. Der zweite wichtige Truppenteil war bei Beginn des Kriegs das II. Bataillon des Infanterie-Bataillons 160, dem auch August Macke angehören sollte. Diesen beiden Truppenteilen fühlte sich die Bonner Bevölkerung besonders verbunden, und entsprechend oft finden sie Erwähnung in den Lokalzeitungen.

In den ersten Kriegtagen waren die Einquartierungen das Thema in der Presse, denn die großen Truppenbewegungen bedeuteten eine hohe Belastung für die Bürgerschaft, da Kasernen und öffentliche Gebäude für die Unterbringung bei weitem nicht ausreichten.

Anscheinend werden nicht alle Soldaten mit offenen Armen von Bonner Bürgern aufgenommen. Die Bonner Zeitung vom 6. August fühlt sich verpflichtet, an die patriotische Pflicht aller zu erinnern, aber auch auf die Konsequenzen hinzuweisen, falls man dieser Pflicht nicht nachkommt: „(...) es ist die Pflicht, es sollte eine Freude und Genugtuung für jeden einzelnen sein, die Soldaten, die bei ihm in Quartier sind, gut zu verpflegen. Sicher denkt auch die Mehrheit unserer Bürgerschaft so. Es gibt aber überall Leute, die ihre eigene wohlfeile Befindlichkeit höher schätzen als die Pflicht, die sie gegen andere haben. (...) Man würde rücksichtslos gegen sie vorgehen. Und mit Recht.“ Empört berichtet der General-Anzeiger am 8. August, „daß einzelne Reservisten bis 12 Uhr nachts von Haus zu Haus ziehen mussten, ehe sie Unterkommen fanden“.

Es gibt aber auch positive Beispiele, die die Reichs-Zeitung am 12. August als schönes „Beispiel von vaterländischer Gesinnung“ lobend hervorhebt: „Wir können die erfreuliche Mitteilung machen, daß beim städtischen Quartieramt zahlreiche freiwillige Anmeldungen anlaufen und zwar von quartierpflichtigen Einwohnern, die sich bereit erklären, außer den ihnen zugeteilten Mannschaften noch weitere aufzunehmen, teils von nicht quartierpflichtigen Einwohnern, die sich trotz beschränkter Verhältnisse zur Unterbringung von Mannschaften freiwillig angeboten haben.“

Die Bonner Zeitung vom 13. August veröffentlicht einen ganzen Katalog von Bedingungen, die laut Evangelischer Presskorrespondenz „zu einem guten Quartier“ gehören. „Laß den Landwehrmann, der auch für dich Weib und Kind dahinten lässt und ins Feuer geht, laß ihn bei deinen Kindern am Tisch sitzen und bei deinem Abendsegen zugegen sein,“ endet der Aufruf im Pathos der Zeit.

Manche erhoffen sich von Einquartierungen finanzielle Vorteile, wie eine „Zimmervermieterin“ in der Rubrik „Sprechsaal“ des General-Anzeigers vom 13. August schreibt: Bei „acht Mann Einquartierung“ habe sie 16 Mk. für den Tag bekommen – von „Herrschaften“ allerdings, die sich auf diese Weise von der eigentlich verpflichtenden Einquartierung ‚freikauften’! „Mittellos gewordenen Zimmervermieterinnen“ empfiehlt sie ihr Vorgehen als „Rezept“ gegen die Armut, das prompt in der gleichen Rubrik der gleichen Zeitung am 16. August auf harsche Kritik stößt: Für zwei Mark könne man den Soldaten unmöglich eine gute Unterkunft und Verpflegung bieten, und: „Ueberhaupt ist es nicht angebracht, bei den Soldaten Geschäfte machen zu wollen“, meint „eine Hausfrau, die gerne alles für die Krieger gibt“.

Für die Einquartierungen gibt es eine Entschädigung durch die Gemeinde, die angewiesen ist, das Geld im Voraus zu bezahlen. Nicht immer klappt das; in der Reichs-Zeitung vom 21. August beklagt sich „eine Mutter, die auch zwei Kinder dabei hat“, dass sie zu lange auf die Erstattung ihrer Unkosten warten müsse: „Man solle doch bedenken, daß nur der arme Soldat leiden muß, wenn der kleine Mann mit Einquartierung überlastet wird (...), während manche reiche Herrschaft, die dazu in der Lage ist, aus Bequemlichkeit sich vorbeidrückt.“ Erneut wird hier festgestellt, dass manch reiche Familie ganz unpatriotisch die ihr zugewiesen Soldaten einfach ausquartiert und lieber andere Menschen für die Aufnahme bezahlt. Arme Leute können sich einen solchen Freikauf natürlich nicht leisten.

Am 26. August bittet ein Fabrikarbeiter im „Sprechsaal“ des General-Anzeigers die Stadtverwaltung, „einen armen Arbeiter, der jetzt noch nicht einmal die Miete zahlen kann, mit Einquartierung zu verschonen“. Und nur einen Tag später gibt ein Leser dem Mann recht und fordert: „Die einzig richtige Verteilung der Einquartierung ist die nach dem Steuersatz, wie sie auch in anderen Städten gehandhabt wird. Nicht die Unbemittelten, sondern die Begüterten müssen die Last der Einquartierung tragen (...).“

Ab September sind die Einquartierungen kein Thema mehr in der Lokalpresse.

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„...mit Liebesgaben reichlich versehen...“

Die Versorgung durchfahrender Truppen und Gefangenentransporte auf dem Hauptbahnhof

Mit Kriegbeginn ist die „Erfrischung durchfahrender Truppen“ ein ständig wiederkehrendes Thema in der Lokalpresse. Am 3. August berichtet der General-Anzeiger über den „Freiwilligen Hilfsausschuss für durchfahrende Truppen“, der die Bonner Bevölkerung darum bittet, seine Arbeit zu unterstützen. Gesucht werden „Arbeitskräfte, Geld- und Erfrischungsmittel“. Für denselben Abend wird zu einer Besprechung in der Beethovenhalle eingeladen. Schon am 5. August bittet der General-Anzeiger, es sei „gestern eine so große Menge an Früchten zugegangen, daß weitere Spenden von Obst dankend zurückgewiesen werden müssen“.

Die Reichs-Zeitung informiert am 3. September: „Nach Eintritt der Mobilmachung haben sich dann zur Vermeidung einer Zersplitterung von Hilfskräften und freiwilligen Spenden der Zweigverein vom Roten Kreuz für den Stadt- und Landkreis Bonn, der Vaterländische Frauenverein und der Freiwillige Hilfsausschuß zur Verpflegung durchfahrender Truppen zu gemeinsamer Arbeit zusammengeschlossen.“

Aber nicht nur durchfahrende Truppen müssen versorgt werden, sondern auch Kriegsgefangene auf dem Weg in die Lager. Im Übereifer werden manchmal auch französische Kriegsgefangene „mit Liebesgaben reichlich versehen“, wie der General-Anzeiger am 14. August berichtet. Sie mit „Brot und Kaffee“ zu versorgen, gehe ja noch an, aber wenn es mehr ist, sollen die Damen vom Bahnhof verwiesen werden: „Hoffentlich nutzt diese Drohung, und es werden nicht wieder die Kriegsgefangenen noch besser verpflegt, als unsere in Feld ziehenden Krieger“.

Überhaupt benehmen sich „einzelne junge Damen“ ganz unangemessen, befindet die Bonner Zeitung am 15. August. Sie halten es für richtig, „sich zum Empfang durchreisender Truppen auffällig herauszuputzen“ – eine „Geschmacklosigkeit“, so die Zeitung. Und: „Um keinen Preis darf eine andere Erscheinung wiederkehren: das Hindrängen der freiwilligen Helferinnen zu den Kriegsgefangenen.“ Am gleichen Tag berichtet der General-Anzeiger von ähnlich befremdlichem Verhalten im Zusammenhang mit französischen Gefangenentransporten auf deutschen Bahnhöfen: „Einzelne Damen konnten der Versuchung nicht widerstehen, die Gefangenen anzusprechen und in eine Unterhaltung zu verwickeln. Es war ihnen offenbar ein ‚pikanter Reiz’, mit waschechten Ausländern ‚französisch zu parlieren und vor ihnen ihren ‚Charme’ zu entfalten (...).“ Möge so etwas in Bonn nie passieren, ist die Konnotation.

Da lobt man sogar schon mal den „Feind“: „In Köln bekam eine dieser ‚Damen’, die nicht wissen, was sie der deutschen Frauenwürde schuldig sind, von einem Gefangenen eine Abfuhr. (...) Er warf nämlich das Glas Rotwein, das ihm von zarter Frauenhand kredenzt wurde, der holden Spenderin vor die Füße. Dieser Feind unseres Vaterlandes hat jedenfalls mehr Ehre im Leib, als die Frauen, die, um ihr Sensatiönchen zu bekommen, die eigene Selbstachtung in den Wind schlagen.“ (GA v. 15. August)

Gegen solche Vorwürfe wehren sich „die deutschen Mädchen“ in einem Leserbrief an den General-Anzeiger vom 22. August: „Wir deutschen Frauen und Jungfrauen wissen selbst, was wir unserem Vaterlande schuldig sind und brauchen uns nicht von den Anhörern und Verbreitern falscher Gerüchte darauf aufmerksam machen zu lassen.“ Die Geschichte mit dem Glas Rotwein habe sich auch gar nicht in Köln, sondern in Krefeld abgespielt; wahrscheinlich sei sie sowieso frei erfunden, denn Alkohol dürfe gar nicht verabreicht werden. Auf das Ausschankverbot von Alkohol war bereits Anfang August vom „Chef des Feldeisenbahnwesens“ verwiesen worden. (BZ v. 10. August)

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„...die für ihr Vaterland gekämpft und geblutet haben...“

Bonn als Lazarettstadt

Dass Bonn diese Aufgabe übernehmen würde, war bereits zu Kriegsbeginn klar. Der General-Anzeiger berichtet am 3. August: „Unsere Stadt wird in besonderem Maße als Lazarettstadt in Frage kommen. Die umfassendsten Vorbereitungen sind bereits getroffen.“ Vier Lazarette mit jeweils rund neun Abteilungen werden am Ende in Bonn und Umgebung für die Aufnahme von fast 70.000 Verwundeten bereitgestellt, hinzu kommen zahlreiche Privatquartiere, die Rekonvaleszenten aufnehmen. Am 14. August werden die ersten Verwundeten und Erkrankten von der Westfront nach Bonn gebracht; von da an reißen die Berichte über die Ankunft von Lazarettzügen nicht mehr ab.

Am 3. September informiert die Reichs-Zeitung in einem überaus langen und detailreichen Artikel über die in Bonn vorhandenen Lazarette und die Prozedur bei der Überführung der Verwundeten, aber auch über eine Erfrischungs- und Verbandstelle für Verwundete, die vom Roten Kreuz und dem Vaterländischen Frauenverein in der Weststraße betrieben wird. Hier werden jene Verwundeten verpflegt und behandelt, die in entfernter liegende Lazarette überführt werden sollen. Diese Einrichtung wird im November als „Bonner Verbands- und Erfrischungsstelle Prinzessin Victoria“ in das nordfranzösische Lille verlegt werden, da „durch die Verschiebung der Kriegslage die Verbands- und Erfrischungsstelle an der Weststraße dadurch zu wenig in Anspruch genommen wurde, daß der große Teil der Lazarett- und Hilfslazarettzüge unmittelbar über Belgien und Köln, oder über Saarbrücken – Frankfurt a. M. weiterbefördert wurde (...)“. (BZ v. 3. November)

Immer ist sie dabei: „Ihre Königliche Hoheit, die Frau Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe“, die nicht nur beim Eintreffen der Züge anwesend ist, sondern auch scheinbar unermüdlich alle Lazarette unter der Führung des leitenden Arztes besucht, „um in huldvoller Weise die Soldaten durch Liebesgaben oder durch ihre Unterschrift auf Postkarten zu erfreuen“. Über ihr Engagement berichten die Lokalzeitungen immer wieder und mit wenigen Variationen. Stets erkundigt sie sich nach dem Regiment des Verletzten oder der Art seiner Verwundung und richtet „ an jeden einzelnen in liebenswürdigster Weise freundliche und tröstende Worte“. Und stets sind die Verwundeten „durch die Teilnahme der hohen Frau freudigst bewegt.“ (z. B. BZ v. 6. September)

Bei der Ankunft von Verwundetentransporten am Güterbahnhof scheint sich regelmäßig eine größere Menschenmenge zu versammeln. Peinlich sei das für die Verwundeten „als ein Schaustück zu dienen und welche klägliche Rolle sie als Zuschauer spielen, wo doch nur Leid und Elend zu sehen ist“, beklagt ein Leserbriefschreiber in der Reichs-Zeitung vom 22. August. Ein Dr. W. schließt sich in der Ausgabe der Reichs-Zeitung vom 24. August diesem Urteil an: „Kaum war das Gerücht in der Stadt bekannt geworden, als sich auch schon gegen 8-9 Uhr abends eine zahlreiche schaulustige Menge zwischen Beethovenhalle und städt. Gymnasium ansammelte; es waren über 100, etwa 130 Personen (...)“, klagt er.

Und dies sind nicht die einzigen Beschwerden über ungebührliche Neugier. Aber es gibt auch andere Stimmen. „Eine tief fühlende Bürgerin“ erhebt in der Rubrik „Sprechsaal“ des General-Anzeigers vom 1. September Einspruch: Tief bewegt würden die Bonner die Ankunft der Verwundeten verfolgen, viele auch in der Sorge, „einen lieben Angehörigen oder guten Freund“ unter den Ankommenden zu sehen. Und in der gleichen Ausgabe meldet sich ein „1900 verwundeter Soldat“ zu Wort, dem „die allgemeine, innige würdevolle Anteilnahme der Zuschauer für die Verwundeten aufgefallen“ ist: „Verschiedentliche Bekannte hat der Anblick so ergriffen, daß er ihnen ein ganz außerordentlicher Ansporn zur Mildtätigkeit geworden ist.“

Am 30 August bringt der General-Anzeiger einen ausführlichen Bericht über das Lazarett in der Beethovenhalle, dem die Presse ohnehin die größte Aufmerksamkeit widmet: „Der große Saal, Bonns feierlichste Musikstätte, ist in ein Kriegslazarett umgewandelt. Reihe an Reihe stehen Betten an Betten mit verwundeten Soldaten: deutsche und französische. National-Unterschied wird nicht gemacht. Hier gilt einer wie der andere. Deutsche oder Franzosen, es sind Menschen, die für ihr Vaterland gekämpft und geblutet haben“ So beginnt eine Geschichte, die die Leser und sicher vor allem die Leserinnen rühren soll. Aber die eingangs proklamierte Gleichheit hat durchaus ihre Grenzen, und der Text atmet am Ende jenen Rassismus, der auch sonst die Berichterstattung prägt. „Ehe man die Halle verlässt, wirft man noch einen Blick auf die Habseligkeiten der Franzosen (...) Wie können Soldaten in diesem Plunder siegreich sein? Abgesehen von den Uniformstücken (....) ist es das Schuhwerk und die Fußkleidung, die das Minderwertige des französischen Soldatentums kenntlich macht (...) Und mit diesen lila und grünen Söckchen sollen die Franzosen Tagesmärsche machen! Die ganze Ausstattung an Unterzeugen mutet an, wie aus einem Zigeuner- und nicht aus einem Soldatenlager. (...)“

Die Soldaten in den Lazaretten wollen nicht nur gepflegt, sie sollen auch unterhalten werden. Ausführlich und in überaus blumiger Sprache schildern die Lokalzeitungen die diversen Feiern in den Lazaretten selber, z. B. eine „stimmungsvolle Morgenfeier“ in der Beethovenhalle mit „musikalischen Darbietungen (GA v. 31. August) oder einen Liederabend der „Bonner Liedertafel“, auf dem sich „manches Soldatenauge mit Tränen füllte“. (GA v. 21. September) Die Bonner Zeitung lobt am 8. Oktober den Vortrag des Dichters Hans Eschelbach, der in der Beethovenhalle, wie schon zuvor in anderen Lazaretten in Bonn und Köln, seine „Kriegballaden aus den jetzigenWeltkriege“ zum besten gab: „Auch humoristische Kriegsgedichte trug er zur Erheiterung der verwundeten Krieger vor.“ Insbesondere in der Vorweihnachtszeit häufen sich Veranstaltungen und Bescherungen in den diversen Lazaretten.

Glaubt man dem Berichterstatter in der Bonner Zeitung vom 8. November, so geht es auch auf einer „Kaffeegesellschaft für die Verwundeten“ hoch her. Eingeladen hatte der Flottenbund Deutscher Frauen, und „lange Wagenreihen der elektrischen Bahnen brachten 150 Pfleglinge der Bonner Lazarette in die Gronau, wo ungefähr 160 Damen sie erwarteten und zu schöngedeckten Kaffeetischen leiteten: Die Beschreibung dieser Kaffeetafel gleicht eher der einer Schlacht: Kuchen werden „vernichtet“, der Nachschub wird „dem Erdboden gleichgemacht“, der aufsteigende Rauch „entflammt nicht der Artillerie oder den Wachtfeuern“, vielmehr den „reichlich gespendeten Zigarren und Zigaretten“. Und: „Das braune Maß floß in Strömen.“ Dabei hatte doch der stellvertretende kommandierende General v. Pfötz laut Meldung des General-Anzeigers vom 9. Oktober verwundeten Soldaten den Alkoholkonsum streng verboten, da „ihre Heilung und Wiederherstellung durch den Genuß alkoholischer Getränke erfahrungsgemäß nachteilig beeinflusst werden“.

Alles für unsere verwundeten „Krieger“: Für die Rekonvaleszenten werden Sammlungen veranstaltet, so z. B vom Borromäusverein, der um „Lesestoff für die verwundeten Krieger“ bittet, aber „nicht nur das zu geben, was man gar nicht mehr brauchen kann, wie alte Zeitschriften, schlecht erhaltene Bücher“. (GA v. 8. September) Es werden Lese- und Schreibstuben eingerichtet (z.B. BZ v. 3. September), und Einrichtungen wie der Botanische Garten bieten freien Eintritt. (BZ v. 27. September). Der Bonner Bürgerverein spendiert einer Nachricht in der Reichs-Zeitung vom 18. August zufolge dem Militärlazarett 1000 Flaschen Wein zur Verfügung. Offiziere – und nur die! – dürfen seine „Gesellschaftsräume, Lesezimmer, Billardzimmer usw.“ besuchen.

Auch Privatpersonen bieten ihre Dienst an, wie z. B. der Frisör Rödel, der sich bereit erklärt, „alle im hiesigen Krankenhaus untergebrachten Verwundeten unentgeltlich zu bedienen“. (BZ v. 19. August). Oder Frl Selma Weiß, die “ihr Institut für Turnen, Heilgymnastik und Massage den verwundeten Soldaten frei zur Verfügung stellt” (BZ v. 22. August). – um nur zwei der vielen Beispiele zu nennen, die zur Nachahmung auffordern! Darüber hinaus sind Privatpersonen bereit, Leichtverwundete kostenlos aufzunehmen (GA v. 6. September), ein Angebot, das eine „gern arbeitende Frau“ in derselben Ausgabe gar nicht gerne hört: „(...) würde ich dies im Interesse vieler Pensionsinhaberinnen sehr bedauern, denen durch dieses Anerbieten eine, wenn auch kleine Einnahme entzogen würde“.

Damit Angehörige sich informieren können, ob vielleicht der Mann, der Sohn oder der Bruder in einem Bonner Lazarett liegt, richtet der Erntebund Anfang September eine Auskunftsstelle in der Bahnhofstraße ein, wie die Lokalzeitungen am 6. September melden. Die Angehörigen können ihre Verwandten auch besuchen. Aber: „Was fehlt? Unterkunft für Besucher von Verwundeten“, beklagt ein Leserbriefschreiber in der Rubrik „Sprechsaal“ des General-Anzeigers vom 25. September. Er oder sie berichtet von zwei Frauen, die nach Bonn gereist waren, um den verwundeten Sohn und Bruder zu besuchen. Ihr letztes Geld hatten sie für die Reise ausgegeben und wussten nicht, wo sie die Nacht verbringen sollten: „Welch rührende Dankbarkeit, als ich sie mitnahm.“ Begebenheiten, die die Herzen der Bonner und insbesondere der Bonnerinnen rühren und zu wohltätigem Verhalten veranlassen sollen, bringen die Lokalzeitungen immer wieder.

Der General-Anzeiger erzählt in seiner Ausgabe vom 7. September vom Wunsch eines Schwerverletzten, noch ein letztes Mal seine Frau zu sehen, mit der er gerade erst vier Wochen verheiratet sei. Die habe nicht das Geld, aus Breslau anzureisen. „Telegraphen-Gehülfinnen vom hiesigen Telegraphenamt“ sammelten das notwendige Geld und boten kostenloses Quartier: „So konnte durch opferwilliges Handeln einem Krieger, der sein Leben für das Vaterland in die Schanze geschlagen hat, sein Herzenswunsch erfüllt werden.“

Am 18. November berichtet die Bonner Zeitung über eine Kriegtrauung im Lazarett. Die Braut war aus Thüringen an das Krankenbett der schwer verletzten Verlobten gereist: „Tiefergreifende Worte fand der Geistliche, der die beiden zum ewigen Bunde vereinte. Das ganze Lazarett, Aerzte, Pfleger und Pflegerinnen und nicht zum wenigsten die verwundeten Kameraden nahmen an dem Glück der beiden herzlichen Anteil.“

Wir wissen nicht, ob der Verlobte überlebt hat. Immer wieder ist in den Lokalzeitungen zu lesen, dass Verwundete in den Lazaretten gestorben sind. Zu Allerheiligen schließlich finden auf den Friedhöfen große Feierlichkeiten statt – ein „Totenfest von eigener und erhabener Trauer, wie die Bonner Zeitung vom 2. November sie nennt. Da die im Ausland gefallenen Soldaten laut einer amtlichen Mitteilung des „Wolffbureaus“ – des offiziellen Nachrichtendienstes – in der Regel nicht mehr in die Heimat überführt werden durften ( BZ v. 28. August; erneut: GA v. 2. Oktober), liegen hier nur die, „die in der Heimat ihren Wunden erlegen sind“. Der Berichterstatter findet ihre Gräber „pietätvoll geschmückt“ und fährt fort: „(...) und gewiß gab es keinen, der vor diesen Heldengräbern nicht in stiller Trauer und dankbarer Wehmut gestanden hätte“. Das Opfer, so heißt es weiter, dürfe nicht vergebens gewesen sein. Die Botschaft, die mitschwingt: Schon deshalb müssen wir weiterkämpfen. Der General-Anzeiger hatte am 2. Oktober die Angehörigen, die an keinem Grab trauern können, getröstet: „Für Soldaten ist das Schlachtfeld das schönste und ehrenvollste Grab:“

Schon seit Kriegsbeginn plant man auf dem Nordfriedhof einen großen „Ehrenplatz“ mit einem Kriegerdenkmal. (BZ v. 26. Oktober)

Anfang Dezember wird ein Bonner Vereinslazarettzug „K1“ von der Militärbehörde abgenommen und ist damit „abgangsbereit“. Bereits am 4. Dezember – so eine Meldung in der Bonner Zeitung vom 10 Dezember – besichtigte ihn Viktoria zu Schaumburg-Lippe: „Die Ausstattung des Zuges fand dabei lebhafte Billigung, der Ihre Königliche Hoheit seither besonders durch die Verleihung ihres gerahmten Bildes an den Zug Ausdruck zu geben geruht hat.“ Seine 29 Krankenwagen sind für den Transport von 290 Schwerverletzten in besonderer Weise ausgestattet; sogar ein Operationswagen ist eingerichtet worden.

Noch vor Jahresende kehrt der Lazarettzug von seiner ersten Fahrt zurück. Er hat Schwerverwundete aus der Gegend von Rethel vor allem nach Heilbronn und Umgebung, aber auch bis nach Bonn transportiert. Die Bonner Zeitung berichtet: „Der Schluß der Fahrt geschah in der Christnacht. Eine wunderschöne Weihnachtsfeier, teils in den einzelnen Wagen der Verwundeten, teils im Mannschaftswagen, vereinte das gesamte Personal. (...) Niemand von ihnen wird diese erhebenden Stunden vergessen.“

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„.. wo jetzt die Bonner Jungen kräftig schmauchen...“

Liebesgaben an die Front

Einen großen Teil der Lokalnachrichten nehmen Berichte über „unsere braven Krieger“ ein – „brav“ nicht im Sinne von „artig“, wie es heute verwendet wird, sondern in der inzwischen veralteten Bedeutung von „tapfer“. Dass seit dem Rückzug von der Marne am 12. September die deutschen Truppen nicht mehr ‚erfolgreich’ sind, wird sowohl auf den Titelseiten als auch in den lokalen Nachrichten verschwiegen. Von den Soldaten an der Front gibt es stets positive Stimmen wie die des Landwehrmannes „Anton“, der im General-Anzeiger vom 26. September „allen Bonnern einen herzlichen Gruß von ihren Königshusaren“ bestellt und seinen „poetischen Gruß“ mit den Worten schließt:

            Drum liebe Bonner seid vergnügt,
            Denn hier im Westen wird gesiegt.

Während die Sammeltätigkeit sich zunächst auf die Verwundeten in den Lazaretten konzentriert, rücken im September die sogenannten Liebesgaben für die Soldaten im Schützengraben und in der Etappe in den Vordergrund. „Der Aufruf um Liebesgaben an unsere im Feld stehenden Soldaten (...) hat natürlich auch in Bonn seine Wirkung nicht verfehlt“, meldet der General-Anzeiger am 11. September. Beklagt wird allerdings, dass einige Bürger die Sammelaktionen auch als Gelegenheit sehen, wie man den „Schund los werden kann“. Am 13. September berichten Bonner Zeitung und General-Anzeiger über die Vorbereitungen für einen Liebesgabentransport, „zunächst bestimmt für die beiden Bonner Regimenter (Husaren und 160er) und das hier zusammengestellte Landwehrbataillon (29er)“. Alle Bürger werden aufgefordert, „Tabak in jeglicher Form, Schokolade, Gemüse-Konserven, Dauerwurst Hemden, Fußlappen und überhaupt wollene Unterkleider“ zu spenden.

Darüber hinaus werden an zentralen Stellen in der Stadt sogenannte Liebesgabenfässer aufgestellt, in die vor allem Zigaretten, Zigarren und Bargeld geworfen werden sollen. „Die stärkste ‚Einnahme’ hatte das Faß auf dem Münsterplatz, das bereits um die Mittagszeit halb gefüllt war“, vermeldet der General-Anzeiger stolz am 14. September. Allerdings stellen die Fässer auch eine Verlockung da: „Es wird dringend darum gebeten, die Schuljugend darauf aufmerksam zu machen, daß sie die Fässer weder belagert, noch Kastanien und sonstige unerwünschte Dinge hineinwirft. Erneut werden die Sammelfässer dem Schutze der Bürgerschaft empfohlen, weil ein Schloß schon unbrauchbar gemacht war.“ (GA v. 15. September)

Am 11. Oktober zieht die Reichs-Zeitung stolz Bilanz: „In den 9 Sammelfässern aus Holz wurden bis jetzt vorgefunden 7065 Zigarren, 6252 Zigaretten und Mark 1308, 90 bar.“ Und da diese Rauchwaren ein „Labsal für die im Feld stehenden Truppen“ sind, empfiehlt die Zeitung, „sich in jeder Woche zum Besten unserer Helden im Felde das kleine Opfer eines rauchfreien Tages aufzuerlegen. Dieser rauchfreie Tag soll während der ganzen Kriegszeit der Montag jeder Woche sein.“

Über „schmucke Schilderhäuschen als Liebesgabensammler“ berichtet der General-Anzeiger am 23. Oktober. Sie zeichnen sich durch einen besonders großen Einwurf aus, sodass „auch umfangreichere Sachen eingelegt werden können“.

Bereits am 16. September, so meldet es die Reichs-Zeitung einen Tag später, wird endlich der erste Transport mit Liebesgaben der Sammelstellen des Roten Kreuzes, des Vaterländischen Frauen-Vereins und des Freiwilligen Hilfsvereins für durchfahrende Truppen auf den Weg geschickt. Bereits in Aachen, so der Bericht, ist „der Bestand an Liebesgaben“ aufgebraucht, so daß sich das Aachener Rote Kreuz hilfesuchend u.a. auch an Bonn wendet. Die Stadt entsendet unverzüglich zwei Kraftwagen mit weiteren Spenden; geplant ist außerdem, „auch von Bonn aus sogleich einen regelmäßigen Kraftwagenverkehr mit Liebesgaben nach den im Feld befindlichen Truppen einzurichten. In erster Linie sollen hierbei die in Bonn stehenden Truppen, das Infanterie-Regiment Nr. 160 und das Husarenregiment König Wilhelm I. Nr. 7 berücksichtigt werden.“ Fast wöchentlich vermelden jetzt die Tageszeitungen die Abreise von Fahrzeugen beladen mit „Liebesgaben“ (z.B. GA v. 24. September), für die die Soldaten immer wieder in den Lokalzeitungen „herzlichen Dank“ sagen. Im General-Anzeiger vom 25. September veröffentlicht Hans Heinrichs aus Mehlem einen langen Bericht über eine privat organisierte „Autofahrt in Feindesland zur Verteilung von Liebesgaben“, die ihn und einen Kameraden bis an die Front brachte: „Zeigen wir uns unserer Helden im Krieg würdig, geben wir nicht nur Liebesgaben, sondern befördern sie auch an Ort und Stelle, wo es not tut“, ruft er am Ende seine Mitbürger zur Nachahmung auf.

Die Reichs-Zeitung bringt wenige Tage später den selben langen Bericht. Diese Ausgabe erreicht einen Frontsoldaten, dessen Leserbrief am 13. Oktober in der Rubrik „Stimmen aus dem Leserkreis“ der Zeitung veröffentlicht wird. Er bittet den Herrn Heinrich „wenn er noch mal zu uns an die Front kommt, keine Fliegenfänger mitzubringen“ und führt als Begründung mehrere Argumente an. Am überzeugendsten: „Was der Herr überhaupt übersehen zu haben scheint, gibt es in den Schützengräben überhaupt keine Aufhängevorrichtung für Fliegenfänger.“

Kurz darauf, am 16. Oktober, erscheint eine Replik auf diesen Leserbrief, mit der der Verfasser „dem Herrn Einsender die Augen öffnen [will], wozu diese Fliegenfänger vorzüglich geeignet sind“. Als er verwundet im Feldlazarett lag, so schreibt er, wimmelte es nur so von Fliegen, die vom Blut und vom Essen angezogen wurden: „Wie oft ist da der Ruf nach Fliegenfängern laut geworden, leider vergeblich.“

Als am 22. Oktober im Bürgervereins ein Lichtbildervortrag des Deutschen Wehrvereins „Mit Liebesgaben zu unseren 160ern nach Frankreich“ gezeigt wird, ist nach Bekunden der Bonner Zeitung vom 22. Oktober das Interesse so groß, „daß der große Saal des Bürgervereins schon lange vor Beginn des Vortrags überfüllt war, so daß ganze Scharen von Besuchern wieder umkehren mußten“. Eine Woche später wird der Vortrag wiederholt.

In allen Berichten über die Kriegsfront, in allen Briefen der Soldaten gibt es vor allem ein Thema: „Zigaretten, Tabak, Zigarren“! Die Bonner Bevölkerung scheint dem „Sehnsuchtsschrei nach Tabak“ brav nachzukommen, was durchaus Neid hervorruft. Die Soldaten aus Mehlem reimen in einem Gedicht, das der General-Anzeiger am 21. September veröffentlicht:

            (...)
            Denn wo jetzt die Bonner Jungen kräftig schmauchen,
            Haben wir noch immer nichts zu rauchen.
            Was Bekleidung anbetrifft, sind wir noch fein im Lack.
            Doch fehlt es uns an Pfeife und Tabak. –
            An Frankreichs Grenze liegen wir zum Kampfe froh bereit,
            Bei Kanonendonner zu paffen,
            wäre eine Seligkeit
            (...)

Weniger häufig wird Alkohol an die Front geschickt, obwohl der Alkoholkonsum unter den Soldaten beträchtlich gewesen sein mag. Nachdem der Kronprinz persönlich dazu aufgerufen hatte, „alkoholische Getränke für die kämpfenden Truppen“ zu spenden, geht die Firma E.F. Elmendorf mit gutem Beispiel voran und stellt „100 Kisten Elmendörfer Korn und Steinhäger-Urgroßvater“ zur Verfügung. Der General-Anzeiger verbindet diese Meldung am 22. Oktober mit einer Warnung: „Hoffentlich wird davon von den einzelnen Soldaten nur ein bescheidener Gebrauch gemacht, denn in großen Mengen macht der Alkohol bekanntlich marschunfähig und wirkt lähmend auf die Energie.“ Diese Ermahnung scheint auf taube Ohren zu stoßen: Am 29. Oktober berichtet die Reichs-Zeitung von einem „für den Kriegsschauplatz bestimmten Militärzug, der an Bonn vorüberfuhr“ – beladen mit 50.000 Flaschen Münchener Bier, einer „Liebesgabe der Vereinigten Münchener Brauereien“. Die Firma H. Underberg-Albrecht „spendete als Liebesgabe 100.000 Fläschchen ‚Underberg-Boonekamp’“. (GA v. 17. November)

Am 1. Dezember erscheint im General-Anzeiger ein langer Artikel eines Dr. med. Fl., der dazu aufruft, keine alkoholischen Getränke an die Soldaten zu schicken, „denn je mehr Alkohol getrunken wird, desto schlimmer für das Feldheer“. Entschieden warnt er davor, an „unsere verwundeten und kranken Krieger Spirituosen und sonstige alkoholische Erzeugnisse“ in die Feldlazarette zu senden. Zwar könne Alkohol gelegentlich „zur vorübergehenden Anregung oder Betäubung“ verwendet werden, grundsätzlich aber gelte, dass „im allgemeinen nicht nur Krankheiten ohne Alkoholverabreichung schneller und gleichmäßiger heilen, sondern auch Verletzungen und Operationen von nüchternen Menschen weit besser vertragen werden (...)“.

Die Bonner Frauen scheinen den Berichten und Aufrufen in der Presse zufolge ohne Ende zu stricken und kommen damit anderen Bitten der Soldaten nach: „Ein Hauptmann, der an der Front steht, schreibt uns: Das Wertvollste und Begehrenswerteste von allen sind wollene Unterjacken (...).“ (BZ v. 2.Oktober) Die Bonner Zeitung vom 8. Oktober empfiehlt deshalb zur Nachahmung: „In Halle (...) hat ein Zahnarzt ein gutes Mittel gefunden, die Interessen der Praxis mit den Zwecken der Kriegsfürsorge zu verbinden. Er hat in seinem Wartezimmer (...) Strickzeuge ausgelegt, an denen die wartenden Frauen denn auch fleißig stricken, bis sie ‚drankommen’ (...).“ Laut Zeitungsbericht hat „das Stricken von Soldatenstrümpfen auf die Schmerzen eine geradezu betäubende Wirkung“.

Es werden allerdings auch Warnungen laut. In einem Leserbrief vom 30. Oktober in der Reichs-Zeitung meldet der Schreiber – oder die Schreiberin? - Bedenken dagegen an, daß die Schulen ihre Zöglinge ständig zum Stricken auffordern: Das anhaltende Stricken bis in die Nacht hinein grenze „doch hart an gesundheitsschädliche Ueberanstrengung, die man nicht ohne dringliche Not fordern oder dulden sollte“. Der Brief endet mit einem geradezu flammenden Appell: „Gegen die Ausbeutung durch die Eltern schützt die Kinder das Gesetz, wer aber schützt sie vor der drohenden Ausbeutung durch die Schule?“

Damit aber dennoch kräftig weiter gestrickt werden kann, werden wiederholt Wollsammlungen durchgeführt, die in den Lokalzeitungen groß angekündigt werden. So heißt es beispielsweise in der Bonner Zeitung vom 29. Oktober: „Der Kriegsausschuß bittet die Lehrherren der Mitglieder des Pfadfinderkorps, diese Jungen am Freitag, dem Tage der Wollsammlung, zu beurlauben. Die Jungen sollen für die sammelnden Damen das Fortschaffen der gesammelten Sachen übernehmen (...).“

Noch ist indes nicht die Zeit, - gemäß dem Motto der napoleonischen Befreiungskriege „Gold gab ich für Eisen “- , die Eheringe gegen eiserne einzutauschen, beschwichtigt die Bonner Zeitung am 16. September: „Erst alles andere opfern, der Trauring ist das letzte.“ „Eine alte Bonner Dame“ ruft in der Reichs-Zeitung vom 18. September dennoch dazu auf, Silber und Gold zu geben: „Es ist heilige Pflicht, Alles und Jedes auf den Altar unseres Vaterlandes zu legen! (...) Der Rauch des Schmelzofens von diesen Liebesgaben wird wie Dank zum Himmel steigen und herabrufen auf die edlen Familien, die Geber und Entsager dieser Ueppigkeiten von Gold und Silber zur Rettung unseres gottesfürchtigen Deutschlands, (...).“

Wie im ganzen Reich, so scheinen sich die Deutschen einig zu sein in Engagement und Opfermut, eine Haltung, die die Zeitungen stets als beispielhaft feiern, denn so – das ist die Botschaft - wird der dem Deutschen Reich aufgezwungene Verteidigungskrieg am Ende gewonnen werden. Auch der Sport wird in diesen Dienst fürs Vaterland gestellt: Regelmäßig finden sportliche Wettkämpfe – Fußballspiele, Radrennen ... - „zugunsten der Kriegsspende und des Roten Kreuzes“ statt, wie sie z.B. die Bonner Zeitung am 18. September ankündigt (s. auch RZ v. 22. September, RZ v. 28. September usw.). Und natürlich werden immer wieder Wohltätigkeitskonzerte veranstaltet, deren Erlös zum Teil für die Soldaten bestimmt ist, vor allem aber auch für ihre in Not geratenen Angehörigen in Bonn.

Die Soldaten an der Front wollen – so heißt es - wissen, was in der Heimat in Bonn geschieht; der General-Anzeiger bietet am 19. September an, die Zeitung täglich per Feldpost an die Front zu senden. Wie die Zeitung am 27. September berichtet, erhoffen die Soldaten sich auch Informationen über „die Lage des Krieges, denn sie können, trotzdem sie mitten im Kampfe stehen, nur einen winzigen Ausschnitt des Ringens überschauen“. Dass nicht zuletzt wegen der Zensur auch die Zeitungen die Wahrheit über das Kriegsgeschehen verschweigen, bleibt natürlich unerwähnt. Die Bonner Zeitung fordert am 1. September ihre Leser auf: „Schickt Zeitungsausschnitte an unsere Krieger!“, hatte doch der Schreiber eines Feldpostbriefes gebeten: Schreibt doch bitte, wie es sonst auf dem Kriegsschauplatze aussieht.“ Auch die anderen Bonner Lokalzeitungen werden an die Front geschickt.

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„Vaterlandsliebe, Kampfbegeisterung und Siegeszuversicht“

Feldpostbriefe

Die Feldpost ist ein beliebtes Mittel, dem Verwandten an der Front auf direktem Wege die sogenannten Liebesgaben zukommen zu lassen. In Anzeigen bieten Geschäfte an, im Auftrag der Familien Päckchen mit den erwünschten Waren zu schicken – ein lukratives Geschäft für Bonner Unternehmen in Zeiten des Krieges.

Schon im September annonciert ein Zigarrenhändler:

„Feldpostbriefe mit Zigarren, Zigaretten, Tabak in allen Preislagen und vorzüglicher Qualität versendet vorschriftsmäßig Zigarren-Import M. Brinkmann Bonn Brückenstrasse 40.“ (RZ v. 6. September)

In einer Anzeige am 10. September in der gleichen Zeitung macht das Kaufhaus Koopmann das folgende Angebot:

„Als Feldpostbrief versenden wir folgende Zusammenstellungen:

2 Paar Socken, 1 seidenes Tuch
1 Paar Hosenträger, 2 Taschentücher
1 Netzjacke, 1 Paar Fußtücher, 1 Taschentuch
1 Leibbinde, 1 Paar Socken
1 seidenes Hemd, 1 seidenes Tuch
1 Abreibetuch, 3 Satintaschentücher
1 Paar Hosenträger, 1 Paar Socken
1 Handtuch, 1 seidenes Tuch
1 Unterhose 2 Satin-Taschentücher
2 Paar Socken, 1 Paar Fußtücher
1 Abreibetuch, 1 Paar Socken
5 Satintaschentücher

Ob seidene Hemden und Tücher den Soldaten „im Feld“ erfreut haben, sei dahingestellt. Das Inserat der Firma Gottfr. Cronenberg vom 26. September in der Reichs-Zeitung lautet hingegen lapidar: „Als Feldpostbrief versenden wir: Hemden, Unterjacken, Unterhosen, Socken, Leibbinden, Kniewärmer, Pulswärmer, Taschentücher.“

Einige Wochen später annonciert Matthias Ollendorf – den Unbilden der Jahreszeit entsprechend - unter der Überschrift „Feldpostbriefe“ „Gummi-Pelerinen, Regenhaut-Pelerinen und –Mäntel, Schulterkragen aus feldgrauem Gummistoff, Überziehhosen aus Gummistoff, Gummi-Knieschützer, Gummi-Waschbecken, Ohrenschützer, Wickelgamaschen und Kartentaschen“. (BZ v. 18. November)

Schließlich rückt die Adventszeit näher: Am 14. November preist Jos. Victor in der Bonner Zeitung „Für unsere Lieben im Felde“ „Kräuter-Printen, Schokoladen-Printen, Prinzeß-Printen sowie Spekulatius, Honigkuchen und Schokolade“ an. Und J. A. Henckels empfiehlt in stets wiederkehrenden Anzeigen „Für’s Feld versandfertig“ „Armeemesser, Feldbestecke, Dolche, Scheren aller Art, Hühneraugenmesser, Feuerzeuge mit Zündschnur, Nähzeuge, Elektrische Taschenlampen Rasiermesser und Zubehör, Sicherheits-Rasier-Hobel, Haarschneidemaschinen, Säbel für alle Truppengattungen“.

Immer wieder aber kommt es vor, dass die Feldpostpäckchen den Adressaten nicht erreichen und deshalb zurückgeschickt werden. In der Rubrik „Geschäftliches“ bittet die Reichs-Zeitung vom 30. September deshalb ihre Leser, „auf die Päckchen einen Vermerk zu kleben, daß der Inhalt, falls der Adressat nicht zu erreichen war (...) an die im Felde stehenden Kameraden verteilt werden soll“.

„Einer für viele“ beklagt in der Rubrik „Sprechsaal“ des General-Anzeigers vom 2. September ebenfalls, dass viele Briefe und Päckchen nicht ankommen, stattdessen zu Hause Karten ankommen, mit denen die Soldaten an der Front sich über ausbleibende Post beschweren. „Sollte die Post oder die Heeresverwaltung so sehr in Anspruch genommen sein, daß sie nicht imstande sind, die Nachrichten oder die kleinen Erfrischungen den Tapferen ins Feld nachzusenden?“, fragt der empörte Schreiber.

Und am 15. September beklagt ein Johann St., der vier Briefe und zwei Karten an seinen Sohn geschrieben hat, ebenfalls im „Sprechsaal“, er habe bislang keine Antwort bekommen: „Von beiden Seiten wird geschrieben, aber – es kommt nichts an.“

Überraschend ist aber eigentlich, wie viele Karten, Briefe und Paketsendungen die Adressaten an der Front, in der Etappe oder in der Heimat erreichen. So mancher Brief ist auch an eine Zeitung gerichtet oder wird von den Verwandten an die Zeitung zum Zwecke der Veröffentlichung weitergegeben.

Die ersten Briefe erreichen die Familien an der „Heimatfront“ aus Belgien, in das die deutsche Armee unter Verletzung der Neutralität einmarschiert war, um den Schlieffenplan zu realisieren. Belgien wehrt sich indes gegen den Vormarsch der deutschen Armee. Hatte die Heeresleitung erwartet, dass diese Völkerrechtsverletzung widerstandslos hingenommen würde? Offensichtlich fühlten sich die Deutschen im Recht und betrachteten den Widerstand als feindseligen und perfiden Akt.

Die Gräueltaten begehen immer die anderen, und die deutschen Soldaten haben sich lediglich für begangenes Unrecht gerächt. Da berichtet bereits am 17. August ein „aktiver Hauptmann“ seinem Vater: „Seit gestern bin ich in Belgien. Stimmung und Begeisterung vorzüglich, Gegend herrlich, Bevölkerung aber hundsgemein: Unsere Leute sind an allen Enden angeschossen und gemein ermordet worden; dafür sind ganze Straßen von Städten und ganze Dörfer angezündet. (...) Sechs Dorfbewohner sind schuldig befunden worden, unsere Leute ermordet zu haben. Wahrscheinlich werden sie morgen erschossen und das Dorf angezündet.“ (GA v. 26. August) Tatsächlich wurden in Julémont am folgenden Tag 12 Männer hingerichtet und 27 Gebäude, darunter die Kirche, niedergebrannt.

In einem Feldpostbrief an ein junges Mädchen, den der General-Anzeiger am 21. August veröffentlicht, heißt es: „Wir liegen hier in einem kleinen Landstädtchen. Da haben sie am Montag drei Soldaten abgeschlachtet, trotzdem ein paar tausend Militär hier lagen. Die Kerls, die das getan haben, wurden gleich aufgehängt.“

Am 25. August berichtet ein Soldat seinen Eltern über die Kämpfe im belgischen Andenne: „(...) Natürlich wurden nun die Häuser gestürmt und die betr. Zivilisten gefangen und erschossen. (...) Im großen und ganzen ganz schrecklich, wenn man die Toten alle sieht. Jetzt bin ich schon daran gewöhnt. (...)“ Am 30. August können das die Bonner in ihrer Bonner Zeitung lesen. Tatsächlich wurden in Andenne am 20. August mehr als 200 Zivilisten hingerichtet und zahlreiche Gebäude niedergebrannt.

Es erschreckt die Abgestumpftheit der Verfasser schon in den ersten Kriegswochen, die Chuzpe, mit der sie über Tod und Zerstörung berichten. Wie mag es auf die Eltern, die Ehefrauen und Verlobten gewirkt haben, wenn sie solche Briefe lasen? Die Tatsache, dass sie diese den Lokalzeitungen zur Veröffentlichung überließen, legt den Schluss nahe, dass sie das Verhalten der Soldaten billigten, vielleicht sogar stolz auf ihre Heldentaten waren und die Hinrichtungen als allzu gerecht akzeptierten. Der Abdruck sollte diese Einstellung wohl auch den Leser und Leserinnen vermitteln.

Der General-Anzeiger meldet am 1. September, dass täglich eine große Zahl von Briefen und Karten in der Redaktion eintreffen; man könne nicht alle veröffentlichen, werde sie sorgsam prüfen und „einzelne markante Episoden wiedergeben“. Zitiert wird aus der Feldpostkarte „von 32 Bonner Jungens der Ersatz-Maschinen-Gewehr-Komp. des Inf.-Reg. Nr.69, in der sie schreiben, „daß sie das ‚reinste Sportfest’ veranstalteten“.

Am 2. September bringt die Bonner Zeitung eine Verfügung, der zufolge die Veröffentlichung von Briefen unterbleiben muss, da sie „wiederholt zur Preisgabe von geheim zu haltenden Einzelheiten über Kriegsgliederungen und Truppenverschiebungen geführt hat“. Dennoch kommt es auch danach sogar zunehmend zum Abdruck von Feldpostbriefen, in denen in der Regel alle Ortangaben getilgt sind. Ausgewählt sind natürlich weiterhin solche Briefe, die die Großtaten des deutschen Heeres preisen, die Zuversicht, den Humor und die gute Laune des braven Soldaten dokumentieren. Kurzum Briefe, aus denen „derselbe gesundpatriotsche Sinn, dieselbe Vaterlandsliebe, Kampfbereitschaft und Siegeszuversicht [spricht], die unser ganzes Heer erfüllt und der wir unsere bisherigen schönen Erfolge verdanken“. (GA v. 16. November)

Wie fröhlich ist doch das Soldatenleben: „Das Schloß, wo ich mich befinde, ist ein sehr feines Ding. Die Einrichtung ist großartig. Diese Woche haben wir schon ein Schwein und einen Ochsen geschlachtet. (...)“ Und weiter geht es mit der Schilderung eines Lebens, von dem der Schreiber, ein gewisser Lambert, in Bonn wahrscheinlich nur träumen konnte. Doch sieht auch er: „Wir können froh sein, daß wir den Krieg nicht in unserem Land haben, denn solche Verwüstung, wie hier ist kaum glaublich.“ (GA v. 27. September) Die deutsche Armee trägt in den Augen der Soldaten für die „bedauerliche“ Zerstörung scheinbar keine Verantwortung.

Darüber hinaus sind die Deutschen ja die „Herrenmenschen“: „Frankreich ist noch nicht so weit vorgeschritten wie Deutschland. Die Straßen, Eisenbahnen und die ganze Bauart sind weit zurück. Sehr schmutzig ist es in Frankreich, auch die Weiber und Kinder. (...)“ Und der Autor eines Feldpostbriefes an die Reichs-Zeitung schließt die Beschreibung eines erbitterten Kampfes mit dem Satz: „Also, es war trotz dem Ernste der Sache zum krank lachen.“ Eines ist ihm aber klar: „Nach Paris wird unser Korps wohl leider nicht kommen, wie man hört, sonst sind wir aber noch fidel usw.“. (RZ v. 29. September) Vor allem soll die Gewissheit vermittelt werden, dass die deutsche Armee am Ende siegreich sein wird. Aus Flandern berichtet ein Feldwebel: „Wir liegen jetzt schon fünf Tage und fünf Nächte im Schützengraben, um dem Rest der belgischen und englischen Armee, der jetzt noch standhält, bei passender Gelegenheit ins Meer zu jagen.“ (GA v. 4. November) Nach einem Sturmangriff und dem Abschuss eines feindliches Flugzeugs schreibt der “Artillerist Toni Willems“: „Der Kaffee ist inzwischen kalt geworden, aber er schmeckt nun doppelt gut, denn wir haben die feste Ueberzeugung, daß noch recht viele feindliche Flieger dran glauben müssen. Inzwischen geht’s immer vorwärts „Mit Gott für König und Vaterland.“ (GA v. 16. November)

Am 20. November veröffentlicht die Bonner Zeitung einen Brief, in dem zunächst Klage über „trockenen Zwieback, dünnen Kaffee, hartes Lager und steten Regen“ erhoben wird. Aber: „Uns kann man nicht die gute Stimmung verderben, besonders wenn wir, wie bisher, jeden Tag so ein paar vorwitzigen Zuaven und Engländern die Kerzen ausblasen. (...) Dann werden wir in ein paar Tagen den Herrschaften das Fell so gerben, daß diese schwarze, gelbe und weiße Gesellschaft von keinem europäischen Doktor mehr kuriert werden kann.“ Das Töten von Menschen wird hier mit menschenverachtender Wortwahl („Kerze ausblasen“) als Spaß geschildert, mit dem man sich von den Härten des Schützengrabens ablenken kann!

Am 13. November druckt die Reichs-Zeitung den langen Feldpostbrief eines „wackeren“ Soldaten an seine Angehörigen ab. Er schildert u.a., was aus seiner Sicht am 12. Oktober in der französischen Stadt R. [Roeselare in Westflandern] geschah: „Aus den Fenstern der ersten Häuser reichten uns die Leute noch Aepfel, gleich darauf aber wurde auch schon auf uns geschossen. Ein Kamerad wurde in der Lunge getroffen und starb sofort. Das Haus, aus dem der Schuß kam, wurde untersucht und in demselben 20 Franktireurs festgenommen. Dann wurde das Haus in Flammen gesetzt. Kurz darauf bekamen wir von allen Seiten Feuer aus den Häusern, und zwar von Franktireurs. Wir griffen zu und in kaum einer halben Stunde stand das ganze Dorf in Flammen. (...) Junge Mädchen von kaum 15 Jahren mußten erstochen werden, weil sie auf uns geschossen hatten. Ein Mann, welcher auf mich geschossen hatte, wurde von einem Kameraden mit dem Bajonett erstochen. Ein anderer Mann wurde in Anwesenheit seiner Frau und seiner drei kleinen Kinder von uns erschossen. Das ist gewiß furchtbar, aber: Not kennt kein Gebot.“ Mit diesem letzten Satz zitiert er Reichskanzler Bethmann-Holweg aus seiner Rede vor dem Reichtag am 4. August: Dessen Diktum „Not kennt kein Gebot“ diente der Rechtfertigung des Einmarsches deutscher Truppen in das neutrale Belgien.

Von der Yser schreibt ein Pionier, der auf der einen Seite das unbeschwerte Soldatenleben in der Etappe schildert: „Wir requirierten Sekt und an diesem Abend feierten wir in Ostende und waren buchstäblich freudetrunken. Andererseits schimmert in seinem Brief auch der Schrecken des Krieges durch, wenngleich die Teilnahmslosigkeit der Beschreibung erschreckt: „Eine Granate schlug in unseren Schützengraben ein und tötete 5 Mann. Die zerrissenen Leichen warfen wir bei Nacht vor die Böschung, da wir sie nicht begraben konnten. (...) Dann warfen wir Handgranaten in die Belgier und Franzosen, die furchtbar wirkten. (...) Mit Spaten haben wir die einzelnen Gliedmaßen zusammengetragen und begraben.“ (BZ v. 1. Dezember)

Der Krieg galt vielen Intellektuellen im Deutschen Reich als Katharsis, als Reinigung und Befreiung aus bürgerlicher Enge. Das muss auch Emil Schwippert so empfunden haben, wenn er in seinem in der Reichs-Zeitung vom 4. Oktober veröffentlichten Brief ins Schwärmen gerät: „Ich glaube, daß dieser Krieg uns einen gewaltigen Schritt näher bringen wird (...): nämlich der Ueberbrückung der Klassengegensätze. (...) Ja, es ist wirklich schön, Soldat zu sein, wenn man die Uebergangszeit aus dem Zivilleben überwunden hat. Jeder von uns fühlt, daß eine Erneuerung des Blutes in ihm stattgefunden hat. Man ist elastischer, froher, jünger. (...)“

Ein Feldpostbrief in der Bonner Zeitung spricht am 1. Oktober unter dem Titel „Eine beherzte Mahnung“ eine etwas andere Sprache: „Eine Bitte hätte ich: Sagt doch mal den größeren Zeitungen, daß die Ulk-Karten über den Krieg nicht auf die Kriegsschauplätze versandt werden, denn hier den Leuten steht bei diesem Jammer der Verwundeten, bei diesem Schlachtgetöse, Elend und Verzweifelung nicht der Sinn nach – teilweise recht faden – Witzen. (...)“

Von solchen Empfindungen ist in all den immer häufiger veröffentlichten Briefen ansonsten nicht die Spur zu finden. Mit Bedacht wurden wohl nur die ausgewählt, die das Leben im Schützengraben zwar nicht verherrlichen, das brutale Vorgehen der Soldaten, der Söhne, Ehemänner und Brüder, indes als alternativlosen Verteidigungsakt beschrieben, und ansonsten den Eindruck vermittelten, dass das Soldatenleben doch ganz angenehm sei – Feldpost als aggressives Medium der Kriegspropaganda.

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„Drum liebe Bonner seid vergnügt, denn hier im Westen wird gesiegt.“

Kriegslyrik

Bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn erscheinen die ersten lyrischen Ergüsse in der Lokalpresse. 1920 schätzt Julius Bab, Literaturkritiker und Verfasser der kritischen Bibliographie „Die deutsche Kriegslyrik 1914 – 1918“ (1920), dass zwischen August und Dezember 1914 pro Tag 50.000 Kriegsgedichte die deutschen Zeitschriften- und Zeitungsredaktionen erreichten. Auch in Bonn ist die Flut der eingesandten Reimkünste so gewaltig, dass die Redaktionen beizeiten um Zurückhaltung bitten. Der Redner auf dem 15. Veranstaltungsabend „Vaterländische Reden und Vorträge“, der über das Thema „Der Krieg und die Presse“ spricht, beendet seinen Vortrag mit einem Seitenhieb auf „das Heer der Dichter und Dichterinnen, die mit ihren Erzeugnissen die Redaktionsstuben überschwemmten“ (GA v. 17. Dezember) Da sei er vom Berichterstatter nur unvollständig zitiert worden, meldet sich „Dr. Hermann Cardauns“ persönlich nur einen Tag später zu Wort: Er habe „zwar über die Ueberschwemmung der Redaktionen mit dichterischen Erzeugnissen gescherzt, aber auch von Liedern voll Kraft und Innigkeit gesprochen“.

Der General-Anzeiger rühmt am 22. August die „starke dichterische Begabung“ ihres Redaktionsmitgliedes Wilhelm Herrmans, der „angesichts der feindlichen Feuerschlünde“ das „Eiserne Kreuz“ besingt und mit den Zeilen endet:

„Und kehren wir heim aus dem heiligen Krieg,
Frohlocken die Glocken im Lande Sieg.
Dann schlagen die Herzen in unserer Brust.
Wohlauf, Kameraden, drauf und drein!
Das eiserne Kreuz muß unser sein!“

Oft werden Bitten um Liebesgabe in „poetische“ Verse gekleidet. Der „Notschrei Bonner und Beueler Krieger“ im General-Anzeiger vom 15. September beginnt mit der Strophe:

„Hart an der Grenze liegen wir,
Es fehlt uns vieles. Vor allem Bier
Ist uns ausgegangen schon lange Zeit
Und Bonn und Beuel ist allzu weit.“

Der „Landsturmmann August Esser lässt die Leser der General-Anzeigers am 14 Oktober wissen:

„Gänzlich fehlet der Tabak,
Ebenso der Zigarrenschmach
Fehlet dem Bönnschen Landsturm auch.
Deshalb lieber „General“,
Hilf uns lindern uns’re Qual.“

Und am 18. Oktober veröffentlicht die Bonner Zeitung ein „Poem“, dessen Bitte um Liebesgaben mit der Strophe endet:

„Auf Bonner laßt es Wahrheit werden,
Sorgt für den alten Landsturm gut,
Das Beste, was Ihr habt auf Erden,
Ist Euer eigen eigen Fleisch und Blut.
Es bleibt nicht ewig Krieg hienieden,
Drum rufen wir begeistert aus:
Gott schenke ehrenvollen Frieden.“

Die Bitte um Frieden ist eher die Ausnahme. Die „Dichter“ geben sich eher heldenhaft, wie etwa der Unteroffizier Schneeweiß, der schneidig reimt:

„Ob Engländer, Franzose, Japs oder Ruß,
die deutsche Faust er fühlen muß!
Unserm Kaiser treu zur Seit geschart,
Das ist Königshusarenart!“
(GA v. 24. Oktober)

Der bereits zitierte „Landwehrmann Anton“ aus Bonn beschließt einen „längeren poetischen Gruß“ zuversichtlich mit den Zeilen:

„Drum liebe Bonner seid vergnügt,
Denn hier im Westen wird gesiegt.“
(GA v. 26. September

Manchmal wird’s auch pathetisch, wenn auch nicht weniger holprig. So dichtet der Student Lommel „auf einsamer Wacht“ Verse wie:

„Ich steh’ in Gottes Hand
Wie auch mein Vaterland;
Und er behüte dich,
Als auch wie mich.“
(GA v. 20. November)

Oder:

“Die Schlacht ist gewonnen. Nach Tagen dann
Finden wir tot den Landwehrmann,
Ganz einsam lag er im Aehrenfeld,
In der starren Hand er den Brief noch hält.
Den Brief er las ihn noch einmal
Als Trost in seine Todesqual.
Er las noch einmal: ‚Der kleine Mann,
Ich glaub, wenn Du kommst, daß er laufen kann.’
Klein Heinrich, er läuft schon hin und her –
Der Vater – er kommt nimmermehr.“
(GA v. 14.
November)

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„...schlug die Flamme der Begeisterung riesenhoch empor...“

Kriegsalltag in Bonn

Nach der überhitzten Stimmung in den ersten Augusttagen ist „das Straßenbild in unserer Stadt wieder verhältnismäßig ruhig“. (RZ v. 10. August) Dennoch: Der Krieg ist gegenwärtig – Reservisten und Landwehrleute, „die zu den Fahnen eilen“, ziehen durch die Straßen, die ersten Todesmeldungen werden angezeigt, und täglich wird verkündet, der sich wieder freiwillig „zu den Waffen“ gemeldet hat.

Die Städtische Sparkasse zeigt sich nach der Verunsicherung der Sparer in den ersten Kriegstagen optimistisch: „Das wieder zunehmende Vertrauen in die Sicherheit der Sparkassen zeigt sich recht deutlich in der Tatsache, daß in der vorigen Woche täglich mehr Einlagen als Abhebungen (...) festgestellt werden konnten.“ (GA v. 13. August)

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Kriegsbeginn und Arbeitslosigkeit – Konsum als patriotische Pflicht

Aber schon bald kommen Beschwerden über Kündigungen. „Ein sozial und patriotisch empfindender Fabrikant“ meldet sich in der Rubrik „Sprechsaal“ des General-Anzeigers vom 12. August zu Wort: „Seit Ausbruch des Krieges sind verschiedene Bonner Firmen dazu übergegangen, ihre Angestellten ganz oder zum Teil ohne Kündigung sofort zu entlassen.“ Er ruft dazu auf, die Betroffenen mögen sich deshalb an die Gerichte wenden, denn es sei unzulässig, die „Angestellten ohne Kündigung auf die Straße zu werfen“. Und nur einen Tag später schließt sich in der gleichen Rubrik ein „Gerechter“ an: „Nicht allein die Geschäftleute entlassen ohne Kündigung ihr Personal, sondern auch Kaufleute, ja sogar Anwälte.“ Empört fragt er: „Sind denn die Angestellten beim Chef nicht mehr wert, als daß man ihnen in einer solch ernsten Zeit einfach ohne Kündigung den Stuhl vor die Tür setzt?“ Am 15. August schließlich mahnt die Bonner Zeitung: „Es hat sich leider herausgestellt, das Herrschaften Dienstboten bei Ausbruch des Krieges sofort entlasen haben. Das ist ungesetzlich, denn grundsätzlich ist der Krieg kein wichtiger Grund zu sofortigen Entlassung von Dienstboten.“

Klagen kommen von allen Seiten. Wenn z.B. im General-Anzeiger in der Rubrik „Sprechsaal“ am 16. August die Ehefrauen der Kellner einen „Notschrei“ ausstoßen, („Was sollen die Kellner-Frauen, wo sie allein stehen, ohne Verdienst, jetzt in der Kriegszeit anfangen?“), so meldet sich nur einen Tag später eine „schon sehr in Not stehende Familie“ zu Wort und beklagt das Schicksal der „Bauhandwerkerfrauen (...), deren Ernährer auch Frau und Kinder im Stich lassen mußten und mit ins Feld sind“. In der selben Ausgabe macht ein L.G. den Vorschlag, durch städtisch organisierte „Notstandsarbeiten“, z. B. im Straßenbau, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Denn auch die Chefs vieler mittelständischer Betriebe sind jetzt beim Militär, die Firma geschlossen. Die „Bauleitung des Johanniter-Krankenhauses Friedrich Wilhelm Stift“ erklärt sich laut Meldung der Bonner Zeitung vom 16. September bereit, im Rahmen von Notstandsarbeiten „die auf ihrem Grundstücke auszuführenden Garten- und Wegearbeiten durch die Stadt zur Beschäftigung im Fall von Arbeitslosigkeit ausführen zu lassen“.

Immer wieder wird vor falsch verstandener Sparsamkeit gewarnt, die nur der Wirtschaft schadet. „Jeder nicht gekaufte Gegenstand, jedes unterlassene Geschenk, jeder nicht gekaufte Kranz für einen teuren Verstorbenen ist ein Ausfall für die Gewerbetreibenden, die solche der liebevollen Aufmerksamkeit oder der Pietät dienenden Waren erzeugen und verkaufen. (...) Dieser Verkauf ist ebenso wichtig wie die öffentliche Wohltätigkeit, denn sie belebt die Gütererzeugung, den Handel und befruchtet zahlreiche Industrien und Erwerbszweige.“ (RZ vom 1. November)

Noch massiver mahnt die Reichs-Zeitung am 6. Dezember: „Der Weihnachtseinkauf – eine soziale Pflicht“ und bezeichnet diejenigen, die an Weihnachtsgeschenken sparen wollen oder ohne Not in abgetragenen Kleidern herumlaufen, als Vaterlandsverräter, nicht besser als jemand, „der seine Wehrpflicht nicht erfüllt“.

Auf keinen Fall solle man, so warnt die Reichs-Zeitung am 21. November, Renovierungsarbeiten am Haus auf die Friedenszeit verschieben: „Es ist falsche Wirtschaftsführung, die einmal schlimme Folgen haben kann.“ Nicht nur für den Hausbesitzer, in dessen Domizil sich plötzlich die Zimmerdecke lösen könne, weil man das schadhafte Dach nicht rechtzeitig hat ausbessern lassen, auch für das Handwerk, das durch diese Sparsamkeit „in eine schwere Notlage versetzt worden“ ist.

Auch die bildenden Künstler bedürfen in schweren Zeiten der Unterstützung. „Dabei möge man aber auch eines bedenken: Wie immer und überall wird auch hier die Hilfe am wirksamsten und fruchtbarsten sein, wenn sie zunächst im engsten Kreis ihr Werk beginnt. (...) Wer also Aufträge zu vergeben hat oder Werke der bildenden Kunst ankaufen will, der sehe vor allem einmal darauf, ob das nicht unter den in Bonn lebenden Künstlern möglich ist.“ (BZ v. 10. November)

In der Reichs-Zeitung ruft am 17. Oktober „ein Winzer von der Mosel“ ganz entschieden zum Weintrinken auf, denn: „Nirgends wird jedoch mehr Sparsamkeit geübt, als in Bezug auf das Weintrinken“ – mit schlimmen Folgen für die notleidenden Winzer. „Darum, Ihr gutbesoldeten Beamten, Ihr tüchtigen Geschäftsleute und wackeren Bürger, gönnt Euch in der jetzigen Zeit den Genuß eines guten Glases Wein in vermehrtem Maße. Ihr leistet damit dem Vaterlande, dessen herrliche Siege auch zahlreiche Winzer und Winzersöhne mit erstreiten helfen, einen großen Dienst.“

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Unterstützung für die Bedürftigen

Größere Firmen greifen bisweilen den Familien ihrer Beschäftigten unter die Arme. So vermeldet die Bonner Zeitung vom 24. August das vorbildliche Verhalten der Firma Soennecken, die „zur Unterstützung der Familien ihrer zu den Fahnen gerufenen Arbeiter und Beamten vorerst den Betrag von 25.000 Mk. vorgesehen hat“. Aber auch die Firma Soennecken sieht sich wie andere Großbetriebe, z.B. die Firma Franz Anton Mehlem und die Wessel’sche Fabrik, allesamt nach eigenem Bekunden exportabhängig, gezwungen, Arbeiter und Angestellte zu entlassen. Der General-Anzeiger regt die „Bildung eines sozialen Hilfsausschusses etwa aus dem Kreise der Hansabundes oder der Bonner Handelskammer“ an, um die Entlassenen davor zu bewahren, Hilfe der Armenverwaltung in Anspruch zu nehmen. (GA v. 10. September)

Die Sterbekasse Bonn beschließt, „daß Sterbegeld auch den Mitgliedern gezahlt werden soll, die im Felde fallen“. (GA v. 1. September) Die Familien der Soldaten werden staatlich unterstützt; am 4. August wird der zu zahlende Betrag angehoben: „für die Ehefrau in den Monaten bis Oktober einschließlich 9 Mark, in den übrigen Monaten 12 Mark, für jedes Kind unter 15 Jahren 6 Mark“. (RZ v. 18. August)

Ende September entscheidet die Stadt Bonn, „den Angehörigen der zum Kriegsdienst eingezogenen städtischen Arbeitern“ Beihilfen unabhängig von der reichsgesetzlichen Familienunterstützung zu zahlen: Ehefrauen bekommen 25 %, Kinder unter 15 Jahren 6% des zuletzt gezahlten Lohnes. Die Summe von 50 % darf dabei nicht überschritten werden, und die Beihilfe kann auch in Form von Mietzuschuss oder in Naturalien geleistet werden. (RZ v. 27. September)

Und was wird, wenn der Ernährer im Krieg getötet wird? Die Bonner Zeitung informiert ihre Leser am 16. Oktober: „Die Witwe eines Feldwebels, Vizefeldwebels, Sergeanten mit der Löhnung eines Vizefeldwebels [erhält] jährlich 600 Mark. Die Witwe eines Sergeanten, Unteroffiziers, Zugführerstellvertreters jährlich 500 Mark. Die Witwe eines Gemeinen oder einer anderen Person der Unterklasse jährlich 400 Mark.“ Bedacht mit 240 bzw. 250 Mark werden Waisen, Eltern und Großeltern, wenn letztere auf die Unterstützung des „Gefallenen“ angewiesen waren.

Am 19. November gibt die Reichs-Zeitung Auskunft über die „Versorgung unserer Kriegsinvaliden“, die nun vermehrt im Stadtbild auftauchen. Der Artikel beschreibt die Rechtslage auf der Grundlage eines Gesetzes vom 31. Mai 1906, nach dem den Versehrten eine Rente gemäß dem Umfang der „Schädigung“ und dem „Dienstgrade der Krieger“ zusteht. Und: „Eine wesentliche Erhöhung kann die Rente durch die sogenannte Verstümmelungszulage erfahren“, in dem Fall also, in dem der Soldat Gliedmaßen, Gehör, Sprache oder Augenlicht verloren hat.

Zur Linderung der allgemeinen Not werden öffentliche Küchen eingerichtet, so von der Sozialen Wohlfahrtseinrichtung ein “Speisehaus für Frauen und Mädchen aus den mittleren Ständen, die durch den Krieg stellenlos oder sonst wie in Not geraten sind”. (BZ v. 19. August) Auch die finanziellen Erträge von Wohltätigkeitskonzerten kommen bedürftigen Angehörigen von Soldaten zugute. So veranstalten beispielsweise der Bonner Männer-Gesangs-Verein und die Bonner Liedertafel ein Konzert im Bonner Stadttheater. Und: „Eine besondere Anziehungskraft erhält das Konzert durch die Mitwirkung von Elly Ney-van Hoogstraten und des Städtischen Orchesters.“ (GA v. 28. August) Am 4. September beschließt die Stadtverordnetenversammlung, Schritte gegen die Notlage der Angehörigen zu ergreifen. Allerdings soll die Hilfe nicht zu Lasten des städtischen Haushalts gehen; vielmehr soll eine „Sammlung für Kriegshilfe“ veranstaltet werden. (BZ v. 5. September)

Der Vaterländische Frauen-Verein stellt „gegen Entgelt“ arbeitslose Frauen ein, die in den Sammelstellen Wäschestücke verarbeiten, damit sie an die Bonner Lazarette geliefert werden können. (RZ v. 5. September) Zur Schaffung von Arbeitsplätzen ruft am 6. September in der Reichs-Zeitung der Verein Frauenbildung-Frauenstudium auf und wendet sich dabei an die betuchteren Bonner Familien. Man möge bitte überlegen, ob man im eigenen Garten, am eigenen Haus nicht Arbeit zu verrichten habe, ob man im Haushalt nicht Hilfe benötige, ob man den Näh-, Strick- und Stickstuben der Stadt nicht Aufträge zukommen lassen könne. Fazit: „Gebt Arbeit für die Arbeitslosen und entzieht nicht denen, die ihr bis jetzt beschäftigt habt, ihren Verdienst.“

Des Öfteren werden die Frauen aus wohlhabenderen Familien aufgefordert, durch wohlgemeintes Anbieten ihrer kostenlosen Arbeitskraft – z. B. auch im Schuldienst (BZ v. 9. Oktober) – nicht denen die Arbeit wegzunehmen, die auf Lohnarbeit angewiesen sind. Was können sie also tun, wenn sie ihren Beitrag in Zeiten des Krieges leisten wollen? Die Bonner Zeitung vom 3. Oktober weiß unter der Überschrift „Kriegdienst der gebildeten Frau“ Rat. Es gebe viele Arbeiterfrauen, die herzlich wenig von Haushaltsführung verstünden: „Bei diesen Frauen nun, welche weder kochen noch nähen können, müsste die persönliche Hilfe der gebildeten Frau (oder des jungen Mädchens) in die freundliche Unterweisung einsetzen (...) Es müsste gezeigt werden, wie ein einfaches, preiswertes Mittagessen bereitet wird (...), wie aus alten, oft geschenkten Sachen für die Kinder etwas Nützliches hergestellt wird. (...) Nicht schenken! Zur Arbeit erziehen! Das ist das Richtige (...).

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Kriegsanleihen

„An alle Besitzenden“ ergeht seit September die Aufforderung, Kriegsanleihen zu zeichnen. An ihnen liege es „auch die finanzielle Schlacht zu gewinnen und damit ihren Teil beizutragen zum glücklichen Ausgang dieses Krieges, von dem das Sein oder Nichtsein der Gesamtheit, das Wohl oder Wehe jedes Einzelnen und ganz besonders der Besitzenden abhängt“. Und überhaupt: bei der ganzen Aktion handele es sich um „ein ausgezeichnetes Geschäft, das ihnen dargeboten wird“. (RZ v. 13. September) Bereits am 22. September meldet der General-Anzeiger: „Für die Kriegsanleihe, deren Zeichnungsfrist bekanntlich am Samstag Mittag 1 Uhr abgelaufen ist, sind in Bonn insgesamt 17 ½ Millionen Mark gezeichnet worden“ und jubelt: „Gewiß ein erfreuliches Zeichen für das vaterländische Interesse und den Opfersinn unserer Bürgerschaft.“ „Gelegentlich der Zeichnung zur Kriegsanleihe habe sich die Presse ebenfalls bewährt“, zitiert der General-Anzeiger am 17. Dezember den bereits erwähnten Referenten Dr. Cardauns.

Im November schließlich erscheinen Aufrufe, Gold gegen Papiergeld einzutauschen. Zahlreiche Bonner Vereine „unter Führung der Handelskammer“ appellieren in einer Anzeige in der Reichs-Zeitung vom 8. November an die Leserschaft: „Wir rufen deshalb im Vertrauen auf den bewährten vaterländischen Sinn jedes Deutschen alle Bewohner der Stadt Bonn auf, ein jeder an seinem Teile daran mitzuwirken, dass vorhandene 10- und 20-Mark Goldstücke bei der Reichsbank, der Sparkasse, den Postanstalten und der Ortskrankenkasse gegen Reichsbanknoten und Reichskassenscheine umgetauscht werden.“ Es wird ausdrücklich noch einmal versichert, dass die Banknoten „den vollen Wert des Geldstückes besitzen und ihn auch selbst in kritischen Zeiten behalten werden“.

Die Bonner scheinen jedoch an ihren Goldstücken zu hängen. Zwar lobt der General-Anzeiger am 13. November: „Der Umtausch von Goldstücken gegen vollwertiges Papiergeld ist von bestem Erfolg gewesen.“ Aber so ganz zufriedenstellend kann das Ergebnis wohl doch nicht gewesen sein, denn sonst hätte sich die folgende Aktion erübrigt: „Die Sammler gehen noch täglich von Haus zu Haus. Jeder lege das vorrätige Goldgeld rechtzeitig bereit, damit den Sammlern nicht zu viel Aufenthalt entsteht.“ Ausdrücklich gelobt wird „Herr Architekt Fritz Tasche“, der „bis jetzt allein im Bezirk Rosental“ 3.000 Mark gesammelt hat. (RZ v. 15. November)

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Verteuerung und Verknappung

Der Krieg treibt die Lebensmittelpreise in die Höhe. Der General-Anzeiger veröffentlicht am 15. August ein Schreiben des Oberbürgermeisteramtes. In dem ist von einer Sitzung in Köln die Rede, auf der sich u.a. der Regierungspräsident, der Oberbürgermeister von Köln und Vertreter der Stadt Bonn sowie der Landkreise geeinigt haben, „gegen diejenigen, welche die Kriegslage zu einer ungebührlichen Verteuerung der Volksnahrungsmittel ausnutzen, mit allen Mitteln (...) im Sinne des maßgebenden Gesetzes vorzugehen“. Vor allem die steigenden Kartoffelpreise sind ein fast tägliches Thema in allen Lokalzeitungen. Dabei geht es immer wieder um die Festsetzung von Höchstpreisen, eine Frage, mit der sich wiederholt auch die Stadtverordnetenversammlung beschäftigt, um eine solche Regelung zunächst doch abzulehnen. „Ein Bonner Familienvater“ beklagt dieses Versäumnis und fordert „die möglichst sofortige Festsetzung der Preise für Kartoffeln, die seit den schönen Reden, die in der letzten Stadtratssitzung darüber geschwungen worden sind, ganz erstaunlich im Preise emporgeschnellt sind“. (GA v. 8. November)

Ein weiteres Problem ist die Versorgung mit Brot. Zwar wird immer wieder versichert, die Getreidevorräte seien so groß, dass man getrost die nächste Ernte abwarten könne. Aber immer wieder wird davor gewarnt, das kostbare Brot an Tiere zu verfüttern. Die Produktion von Brötchen aus Weizenmehl wird eingestellt; „Kriegsbrot“ kommt auf den Markt. Hier werden Kartoffeln dem Roggenbrot beigemischt, wobei die Empfehlung ergeht, gekochte Kartoffeln zuzusetzen; denn ein solches Brot hat „nicht nur einen ausgezeichneten Geschmack, sondern auch eine gute Haltbarkeit“. (RZ vom 30. Oktober) Empfohlen wird vor allem der Verzehr von „Kommissbrot“, „da Roggenkorn im Komissbrot am besten ausgenützt wird“. (GA v. 19. November) Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Brot auf keinen Fall an Schweine verfüttert werden dürfe.

„Legt Gärten an!“, fordert die Reichs-Zeitung am 3. Dezember. Dabei hat doch schon der Winter begonnen. Der Herbst zeigte indes: „Die reiche Fruchternte hat in diesem schweren Jahre unser Volk der bangen Sorge um die Ernährung seiner Millionen enthoben.“ Eine Mahnung ergeht auch an die „Städtebauer“: Sie mögen doch bitte in Zukunft darauf achten, „zusammenhängende Grünflächenzonen in Form von Gartenzonen der Zukunft dauernd zu sichern und in passender Weise in das Ortsgebilde einzupassen“.

Bereits im September ist die Nahrungsmittelnot Gegenstand eines Vortrags in der Germania-Halle: „Wie rüsten sich unsere Hausfrauen in der Kriegszeit gegen Lebensmittelnot?“ Auf diese Frage will Dr. Junge am 24. September eingehen und aufzeigen, wie „durch zweckmäßige Wirtschaftsführung die Ernährung der Familien auch in schweren Zeiten“ erleichtert werden kann. Am 25. September berichtet der General-Anzeiger: „Der Einladung waren die Bonner Hausfrauen so zahlreich gefolgt, daß ein fast lebensgefährliches Gedränge entstand und schleunigst ein Plakat an den Eingangstüren befestigt wurde: ‚Wegen Ueberfüllung hat Niemand mehr Zutritt!’“ Zwei Themenkomplexe werden hier miteinander verbunden: die sich abzeichnende Lebensmittelknappheit und die „patriotische Pflicht“ der Frau, dem Feind zu trotzen, der beabsichtigt, Deutschland auszuhungern – was natürlich sowieso nicht gelingen kann.

Immer wieder lassen die Lokalzeitungen in den folgenden Monaten in Leserbriefen Hausfrauen zu Worte kommen, die Tipps geben, wie man trotz Mangel und steigenden Preisen schmackhafte Mahlzeiten zubereiten kann. Weitere Vorträge zum Thema folgen..

Am 13. Oktober appelliert die Reichs-Zeitung an ihre Leserschaft, im Rahmen der „Brockensammlung”, die in jedem Herbst stattfindet, in diesem Jahr besonders viele abgelegte Kleidungsstücke, Wäsche und Hausrat zu spenden. „Da gedenkt unserer armen notleidenden Bonner Familien, deren Väter, Gatten und Söhne auch für euch kämpfen und bluten.“

Diese neue Sammlung - eine erste Sammlung noch verwendbarer Kleidungsstücke hat bereits zu Beginn des Monats stattgefunden - sammelt nur unbrauchbare Reste, zerrissene oder sonst unbrauchbar gewordene Kleidungsstücke und Strümpfe – auch Mottenfraß ist für die Sammlung durchaus kein Hindernis (...). All dies kann noch verwendet werden, wenn es in einer Fabrik verarbeitet wird. Es dient zur Herstellung von Militärtuch und Decken“. (GA v. 5. Dezember)

Der Rohstoffmangel zeichnet sich schon im vierten Kriegsmonat in den verschiedensten Bereichen ab. Gummireifen werden knapp: Die Bonner Zeitung veröffentlicht am 5. November einen umfangreichen Katalog von Vorschriften, laut derer Reifen ohnehin nur ausgegeben werden dürfen, wenn die alten abgegeben werden. Um den Reifenverschleiß zu reduzieren, wird schnelles Fahren verboten; und: „Neue, fehlerfreie Reifen erhalten nur die Kraftfahrzeuge des Feldheeres.“

Petroleumvorräte schrumpfen, ein Problem, das vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten tangiert, denn sie sind es, die für die häusliche Beleuchtung darauf angewiesen sind, während die Wohlhabenden längst einen Gasanschuss im Haus haben. Der General-Anzeiger berichtet am 5. November ausführlich und schließt: „Wie groß die Petroleumnot ist, erhellt daraus, daß in einzelnen Geschäften bis zu 60 Petroleumkannen stehen, die von Hausfrauen dort deponiert wurden, um gleich bei der Hand zu sein, falls eine neue Lieferung eintrifft. Das einzig Erfreuliche ist, daß der Preis voraussichtlich keine Steigerung erfährt.“ Die Bonner Zeitung weist am 3. Dezember angesichts schwindender Vorräte ausdrücklich darauf hin, „daß Petroleum gegenwärtig nur noch zum Beleuchten, keinesfalls aber mehr zum Kochen oder gar zum Heizen verwendet wird“. Dabei hatte knapp einen Monat zuvor die Mannheim-Bremer Petroleum-A.G. verlautbaren lassen, „daß Petroleum in so großen Mengen vorhanden ist, daß die Vorräte bis weit über den Winter heraus ausreichen“. (GA v. 9. November) So recht kann das nicht stimmen; am 20. Dezember veröffentlicht der General-Anzeiger eine Verlautbarung des stellvertretenden Generalkommandos des 9. Korps, der zufolge die Verbraucher Brennspiritus anstelle von Petroleum verwenden sollten.

Am 5. Dezember kündigt die Bonner Zeitung „Preiserhöhungen für Schumacherarbeiten“ an, da „die Preise für Leder und die übrige Bedarfsware infolge des Krieges und der notwendigen Maßnahmen der Militärbehörden sehr gestiegen sind.“ Am 10 Dezember meldete die Reichs-Zeitung das Verbot „Neutralöle und Fette zu Schmier- und Leimseifen zu verarbeiten“. Damit sollte „eine heute bestehende Glyzerinvergeudung in Seifensiedereien“ ab dem 1. Januar 1915 verhindert werden. Und der Krieg sollte noch vier Jahre dauern! Die Erwartung, die Soldaten würden das Weihnachtsfest wieder im Kreis ihrer Lieben verbringen, war bereits im Herbst obsolet geworden.

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„Also Vorsicht!“ - Von Betrug, Misstrauen und Aberglauben.

Wenn gesammelt wird, dann geschieht es nicht immer für den „guten Zweck“. Es kommt des Öfteren vor, dass die Spendenfreudigkeit der patriotisch gestimmten Bürger ausgenutzt wird. Immer wieder berichten die Lokalzeitungen von Missbrauch aller Art. Einige Beispiele: Der General-Anzeiger schreibt am 1. November über einen Unbekannten, der „angeblich für den Hilfsausschuß“ in der Meckenheimerstraße von Haus zu Haus ging, um Wollsachen zu erbitten. „Als ihm bedeutet wurde, man wolle sich zuerst über die Richtigkeit seiner Angaben telephonisch erkundigen, machte er sich aus dem Staube.“ Erfolgreicher war da zunächst eine „hiesige Fabrikarbeiterin“, die mit einer fingierten Sammelliste des Roten Kreuzes stolze „21,45 Mark“ einsammelte, „bis schließlich der Schwindel ans Licht kam“. Das Schöffengericht verurteilt die arbeitslose und in Not geratene Frau zu zwei Wochen Gefängnis. (GA v. 28. Oktober) Bereits zuvor hatte der General-Anzeiger am 2. Oktober vor einer Frau gewarnt, die „als Rote Kreuz-Schwester für die angeblich schlecht eingerichteten Bonner Lazarette bettelt“.

Raffinierter gehen da schon andere Betrüger vor. Die wenden sich unter dem Namen von Personen, die sich bei Kriegsbeginn im Ausland aufhielten und als vermisst gelten, an die verzweifelten Angehörigen und bitten telegrafisch um Geld: „In diesen Telegrammen wird meistens gesagt, daß der Absender ohne Mittel und Papiere sei, weshalb das Geld in gewöhnlichem Briefe postlagernd geschickt werden soll.“ Der General-Anzeiger warnt am 4. Oktober dringend und fordert die betroffenen Personen auf, „sich an die Polizeibehörde des Absendeortes des Telegramms zu wenden“.

Im November tauchen immer häufiger Männer auf, die sich als Militärs ausgeben und andere Personen um Geld angehen: Der General-Anzeiger berichtet am 8. November über einen Maurer, der „in der Form eines Pionier-Leutnants bei bessergestellten Bürgern Pumpversuche machte, die ihm gelegentlich gelangen“, bis der Schwindel schließlich auffiel, als er „einen Kürassier-Einjährigen auf der Remigiusstraße ‚kameradschaftlich’ um 10 Mark ansprach“. Der wurde im Nachhinein misstrauisch und meldete den Fall der Polizei. Nur einen Tag später schildert dieselbe Zeitung den Fall eines Betrügers, der „in der Uniform eines Pionier-Offiziers, geschmückt mit Eisernem Kreuz“ Kellner anpumpte: „Er war überhaupt nicht Soldat.“ Und als einen „unglaublichen Schwindel“ bezeichnet die Reichs-Zeitung am 8. September einen Fall, bei dem sich zwei junge Männer – „natürlich ohne zu bezahlen“ – Uniformen schneidern ließen, in denen sie diverse Wirtschaften aufsuchten. Sie gaben sich als Verwundete aus, erzählten die „haarsträubendsten Kriegsgeschichten“ und pumpten ebenfalls die Gäste an.

Ein weiterer Trick steckt hinter Inseraten, mit denen Heimarbeiterinnen gesucht werden, in Zeiten der Arbeitslosigkeit ein verlockendes Angebot. Die Frauen müssen sich allerdings zunächst teure „Stickereieinrichtungen“ kaufen, um schließlich vergeblich auf Aufträge zu warten. (RZ v. 4. Dezember)

Vertreter einer Berliner Buchhandlung überreden bei Besuchen von Haus zu Haus – vor allem „bei den Angehörigen des Lehrerstandes“ (RZ v. 21. November) – die Bewohner, regelmäßig für die Kriegsinvaliden zu spenden. Als kleines Dankeschön erhielten sie dann das Buch „Kaiser Friedrich! Gedächtniswerk!“ Mit ihrer Unterschrift aber verpflichteten sich die „opferwilligen“ Spender tatsächlich zur Bestellung dieses Werkes im Werte von 60 Mark. Die Zeitung fordert die Geschädigten auf, die Polizei zu informieren oder den Betrug bei der „Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindeltätigkeit“ in Lübeck zu melden.

Die sich häufenden Betrugsfälle machen misstrauisch. Ein Leserbriefschreiber verdächtigt in der Bonner Zeitung vom 11. Oktober eine Gruppe von Schuljungen des Betrugs. Die sammeln nach eigenem Bekunden im Auftrag des Friedrich-Wilhelm-Stifts Stöcke für Verwundete. Nachfragen ergeben: Das Stift hat keineswegs einen solchen Auftrag erteilt. Und einen Tag später stehen wieder Knaben mit dem gleichen Anliegen vor der Tür; dieses Mal angeblich im Auftrag eines Lehrers der Remigiusschule! Am 16. Oktober meldet sich ein weiterer Leserbriefverfasser zu Wort und stellt richtig, „daß die Kinder allerdings von der Schule ausgesandt worden waren und daß über 100 Stöcke zusammengekommen sind, auch Lesestoff“. Er empfiehlt allerdings, „den Kindern einen Berechtigungsschein auszustellen, um Mißbrauch auszuschließen“.

Am 17. Oktober warnt die Reichs-Zeitung davor, „Kindern, die angeblich im Auftrag der Schule Geld, Bücher, Spazierstöcke und andere Sachen für die Verwundeten sammeln, etwas zu verabreichen“. Und am 22. Oktober rügt ein Leserbriefschreiber in derselben Zeitung das Misstrauen, das den Schülern ganz grundlos entgegengebracht worden ist. Sie hätten ‚im Eifer des Gefechts’ lediglich ihren Auftraggeber falsch benannt. Die Redaktion der Zeitung fügt hinzu: „Die Kinder müssen jedoch einen Ausweis der Behörde vorzeigen.“

Für in Not geratene Familien gibt es, wie schon erläutert, reichsgesetzliche Unterstützung und darüber hinaus städtische Zuschüsse. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Frauen vorhandenes Einkommen verschweigen. Die Bonner Zeitung vom 4. Oktober weist aus gegebenem Anlass auf eine Bekanntmachung des Oberbürgermeisters hin: „Für die Folge werden derartige Betrugsversuche unnachsichtlich strafrechtlich verfolgt.“ Der General-Anzeiger wiederholt am 7. November die Strafandrohung und fordert dazu auf, unrechtmäßig bezogene Beträge unverzüglich zurückzuerstatten.

Schließlich stärkt der Krieg den Aberglauben. Am 10. November warnt die Bonner Zeitung ihre Leser vor sogenannten Gebetsketten. „Diese aus Amerika stammende Unsitte besteht bekanntlich darin, daß man ein Gebet zugeschickt bekommt mit der Weisung, es neun Tage lang einem anderen lieben Menschen zu senden, an den selbst wieder die gleiche Aufforderung ergeht. (...) Wer das Gebet nicht weiter gibt, habe kein Glück mehr; wer aber der Aufforderung gewissenhaft nachkommt, soll am 9. Tage eine große Freude haben und von allen Sorgen erlöst werden (...).“

Am 2. Dezember warnt die Reichs-Zeitung vor „Kartenlegerinnen“. Wahrsagerinnen haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur; die Zeitung bedauert indes die Geldverschwendung: „Spart Eure Groschen, benutzt sie für Euch selbst, oder bringt sie an eine Sammelstelle für Liebesgaben für unsere Krieger (....).“

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Siegesfeiern

Während über Niederlagen geschwiegen wird, werden Siege lautstark verkündet. Am 22. August melden die Lokalzeitungen mit dem Pathos der ersten Kriegstage die „Nachricht, daß unser tapferes Heer in Lothringen einen entscheidenden Sieg erfochten hat“. (BZ v. 22. August) „Wo sonst ruhiges und bedächtiges Nebeneinanderhergehen, schlug die rote Flamme der Begeisterung riesenhoch empor und riß alle mit sich fort. (...) Der erste große Sieg! Er war wie ein erfrischender Gewitterregen nach langer Dürre. (...)“ (GA v. 22. August)

Die Bonner zeigen Flagge nach dem Sieg, wenn auch nicht immer im genügenden Maße, wie „Viele dankbare Bürger“ in der Rubrik „Eingesandt“ der Bonner Zeitung vom 23. August bemängeln: „Es ist eine Freude, wenn man in die Altstadt kommt und sieht, wie die Bewohner durchweg durch Beflaggen ihrer Häuser ihre Begeisterung und Dankbarkeit über den letzten großen Sieg unserer braven Truppen gegen unsere Feinde zu erkennen geben. Bedauerlich ist aber, daß nur ganz wenige Bewohner der Neustadt von der Poppelsdorfer Allee ihrer Freude über die letzten Siege durch Beflaggen ihrer Häuser zu erkennen gegeben haben“.

Es wird indes nicht immer richtig geflaggt. Die Reichs-Zeitung belehrt am 7. September ihre Leser und Leserinnen: „(...) Zudem soll eine Siegeskunde nur einen Tag lang durch Beflaggung gefeiert werden und dann die Fahne wieder eingezogen werden. Um hoffentlich bald, bei neuen glücklichen Nachrichten wieder zu erscheinen. Setzt sich aber die Beflaggung ohne Unterbrechung fort, so verliert sie Wert und Bedeutung (...).“

Die Fahnen werden erst nach dem 9. Oktober massenhaft gehisst, nachdem die Festung Antwerpen kapituliert hat: „Nachdem nunmehr die Meldung kam, daß sämtliche Forts von Antwerpen gefallen sind, wehen in den Straßen Fahnen bei Fahnen und die Bürger gehen nach dieser gelösten Spannung mit größerer Freude an ihre tägliche Arbeit.“ (GA v. 11. Oktober) Die Zeitung veröffentlicht ein „Stimmungsbild“, das mit den Worten endet: „Ueber dem Jubel und Brausen der erregten Menschenmauer aber schwingen und dröhnen die Glocken mit ehernem Klang die frohe Siegesbotschaft von dem ersten glücklich beendetem Kapitel dieses gewaltigen Völkerringens über die Dächer und Giebel der Stadt und tragen sie weiter und wecken die Schläfer in ihren Stuben.“ Die Schuljugend hat einen schulfreien Tag.

Am 19. Dezember meldet die Bonner Zeitung „die Kunde vom Siege in Polen“. Und wieder läuten die Glocken und „gaben mit ehernem Munde die Siegesnachricht weiter“. Dumm nur, daß die Nachricht erst am Nachmittag kommt und es bereits zu dunkel ist, um noch die Fahnen zu hissen. Das geschieht erst am folgenden Tage - „auf den Balkonen, in den Fenstern und auf den Dächern“. Und natürlich bleiben die höheren Schulen „zur Feier des Sieges im Osten“ geschlossen.

Immer wieder geben die Lokalzeitungen Beispiele für patriotisches Verhalten, dem die Bonner und Bonnerinnen doch bitte folgen mögen - so die implizite Botschaft: Da verzichtet ein „hiesiger Militärinvalide“ für die Dauer des Krieges auf seine Pension und wünscht, dass „noch recht viele Pensionsberechtigte gleich ihm auf die Pension verzichten“. (GA v. 31. August) Ein „einfaches Dienstmädchen“ erschien am 9. September in der Sparkasse „und übergab zur Kriegshilfe 20 Mk., mit der ausdrücklichen Weisung den Namen nicht in die Zeitung zu setzen“. (GA v. 10. September)

Patriotismus muss sich nicht immer in finanziellen Opfern unter Beweis stellen Die Reich-Zeitung führt am 10. September das Beispiel einer Dame an, die in der Siebengebirgsbahn auf die Weisung des Schaffners „Alle durchgehen!“ mit den Worten reagierte: „Der Deutsche geht nicht durch, der geht nur vorwärts!“ „Mit Beifall nahm das Publikum und der Schaffner dieses auf und der Schaffner rief wieder mit Stentorstimme: ‚Alle vorwärts! ... vorwärts!’“

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Die Toten und Vermissten

Am 26. September starb der Maler August Macke auf dem Schlachtfeld von Souain. Diese Nachricht kommt indes erst Wochen später in Bonn an. In den Verlustlisten fehlt sein Name. Auch nach einer Todesanzeige sucht man vergebens. Ein erster Nachruf erscheint am 1. Dezember im General-Anzeiger. Dem Verfassergilt er als „einer der stärksten Vertreter der expressionistischen Bewegung“, „ein Junger, Taster, Sucher, dessen Ziel sich noch im Zukunftsdämmer verbarg“. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihm diese Kunstrichtung überhaupt nicht gefällt, konzediert allenfalls, das Macke „,mit großer Ehrlichkeit und Ueberzeugung arbeitete, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, denen der Expressionismus eine bequeme Handhabe ist, um ihr dilettantisches Können zu verschleiern“. Die Reichs-Zeitung des folgenden Tages ist in der Beurteilung etwas vorsichtiger: „Die, die ihn kannten, haben ihn als einen ehrlichen, nach höchsten Ausdrucksmöglichkeiten in der Kunst Suchenden schätzen gelernt. (...) Auch diejenigen, welcher seiner Kunst innerlich fernstanden, liebten in ihm den aufrichtigen, nur der Wahrheit dienenden Menschen.“

Nebenbei bemerkt: Der General-Anzeiger zeigt sich generell der modernen Kunst gegenüber wenig aufgeschlossen. Als im Dezember im Oberniermuseum Bilder des Bonner Malers Paul Seehaus gezeigt werden, äußert der Berichterstatter sich abfällig über die Vertreter der „Modesache“ Kubismus und sieht Seehaus bestenfalls als einen „maßvollen Vertreter dieser Richtung“. Aber was ist der schon gegen den Bonner Maler Türoff, dessen „köstliches“ Kinderbildnis – direkt neben Seehaus’ Bildern hängend, seiner Meinung nach künstlerisch doch so viel stärker ist! (GA v. 22. Dezember) Die Reichs-Zeitung hingegen lobt Seehaus, und das gerade im Vergleich zu Türoff: „Türoff begnügt sich mit der bloßen Zustandsschilderung, der er allerlei Impressiönchen und Sentimentalitäten zugibt. Seehaus wurde von dem Drang nach der mythischen Version aus der alten Malweise auf den Weg zum Kubismus geführt. Ich kenne Keinen, dem man auf diesem Wege so weit folgen kann, wie Seehaus.“ (RZ v. 23. Dezember)

Bereits am 10. August hatten die Lokalzeitungen die ersten Kriegstoten, die „Heldentod für das Vaterland“ starben, gemeldet. Noch wird dem Leutnant d. R. J. Junghann in der Bonner Zeitung vom 12. August ein langer Nachruf gewidmet; wie er in den kommenden Monaten immer seltener wird: Es gibt zu viele „Gefallene“, wie die in Kriegshandlungen Getöteten euphemistisch bezeichnet werden: Denn wer fällt, steht doch normalerweise wieder auf! Im Laufe der ersten Monate werden die „Verlustlisten“ immer länger, auch die Zahl der Todesanzeigen steigt, ebenso die Zahl derer, die für ihren „Heldenmut“ mit dem Eisernen Kreuz geehrt werden.

Wie sehr und in welch tragischer Weise der allgegenwärtige Tod auf den Schlachtfeldern die Stadtgesellschaft prägt und verändert, geht aus den Zeitungsberichten jedoch nicht hervor. Der „gefallene“ Soldat ist stets der Held, der sein Leben fürs Vaterland gegeben hat – die ab Herbst anschwellende Zahl der Todesanzeigen legt beredtes Zeugnis ab. Im Bericht über die Feierlichkeiten auf dem Nordfriedhof anlässlich Allerseelen heißt es pathetisch: „Tausende und Abertausende sind für das Vaterland gefallen. Und in dem Schmerz, der uns alle erfaßt, versinkt das eigene Leid, und wie nun alles in uns zu einem großen, heiligen Gefühl der Gemeinsamkeit zusammengeflossen und erhoben ist, so ist auch dieser Gedenktag nun ganz der Schar jener Helden geweiht, die für uns, unsere Heimat, unsere Ehre unser nationales Sein gestorben sind.(...) Und das Opfer, das schwere, große Opfer soll nicht vergebens gewesen sein. Das ist das Gelöbnis und auch der Trost dieses Tages, der ein Totenfest von eigener und erhabener Trauer war.“ (BZ v.. 2 November) Verzweifelung, Hader, Zorn: Für diese Gefühle ist im öffentlichen Raum kein Platz. Wer sie hegt, schweigt. Der Gedanke, jetzt einen Frieden zu schließen, der die Metzelei beenden könnte, darf gar nicht erst aufkommen; die vielen Toten erfordern erst recht ein Weiterkämpfen, damit „nicht alles vergebens war“.

Was aber die Bonner und Bonnerinnen umtreibt, ist die Ungewissheit. Die Sorge um die Angehörigen „im Feld“ ist durchaus ein Thema in den Zeitungen, wie schon im Kapitel „Liebesgaben an die Front“ in Zusammenhang mit der Sorge um ausbleibende Feldpost anklang. Ist der Sohn, der Verlobte, der Ehemann, der Vater, wenn man schon nichts von ihm hört, vielleicht in Gefangenschaft geraten? Diese Frage schließlich zu einer sogenannten Aussprache, zu der ein Leserbriefschreiben in der Bonner Zeitung vom 22. Oktober alle Betroffenen einlädt: „Bei verschiedenen Angehörigen ist nun der Wunsch rege geworden, sich über das Los dieser sich hauptsächlich in Südfrankreich untergebrachten Söhne und Brüder auszusprechen, die bisher erlangten Nachrichten hierüber auszutauschen, (...). Auch wäre es nicht ausgeschlossen, daß durch eine derartige Aussprache der Verbleib solcher Vermissten ausfindig gemacht werden könnte, von denen aber noch keine Nachricht zu ihren besorgten Angehörigen gelangt ist.“ Eingeladen wird für den 23. Oktober in das Hotel Kaiserhof. (BZ v. 22. Oktober)

Die Einladung findet eine so große Resonanz: eine große Zahl Angehöriger von Gefangenen und Vermissten hat sich eingefunden. Namen von Gefangenen werden bekannt gegeben, Nachrichten über ihre Behandlung ausgetauscht, Notizen über Vermisste ausgetauscht. Ein weiteres Treffen für den 2. November wird verabredet. (BZ v. 25. Oktober) Am 26. November berichtet die Bonner Zeitung: „Bei der letzten Aussprache über Gefangene und Vermisste wurden Mitteilungen über das Los der Gefangenen gemacht und Nachrichten von Ermittelten bekannt gegeben.“ Die Behandlung der Gefangenen, so ist zu erfahren, ist in den verschiedenen Lagern sehr unterschiedlich, vor allem, was die Erlaubnis zum Schreiben angeht. Für die Angehörigen, so der Eindruck bei der Lektüre, ist der Austausch über das Schicksal ihrer Lieben wichtig und tröstlich. Die Treffen werden auch in den folgenden Wochen regelmäßig fortgesetzt und finden stets in den Lokalzeitungen Erwähnung.

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Zerstreuung in Zeiten des Krieges und die Grenzen des Frohsinns

Trotz der viel zitierten „ernsten Zeit“ wollen sich auch die Bonner und Bonnerinnen hin und wieder amüsieren. Schon bald nach Kriegsbeginn beginnen erneut jene Veranstaltungen, die zunächst verboten worden waren. Die Bonner Zeitunghatte am 4. September eine Bekanntmachung des Landratsamtes veröffentlicht: „Dem Ernst der Zeit entsprechend wird darauf hingewiesen, daß mit der Erlaubnis zur Abhaltung öffentlicher Tanzbelustigungen bis auf weiteres nicht gerechnet werden darf und daß gegen alle Umgehungsversuche strenge vorgegangen wird.“

Das Städtische Orchester nimmt sein Konzertprogramm zunächst in der Stadthalle (BZ v. 26. September), ab dem 29. Oktober im Stadttheater wieder auf. Da die Beethovenhalle zum Lazarett umfunktioniert worden war, muss man ein Ausweichquartier suchen. Ausdrücklich werden diese Konzerte als eine „Gelegenheit (...), hin und wieder Zerstreuung und Erheiterung zu finden“ angepriesen. (RZ23. Oktober) Auch das Städtische Museum, „das in unruhigen Zeiten der Mobilisierung geschlossen wurde“, öffnet am 27. September wieder „seine Pforten“. (BZ v. 26. September) Ab dem 1. November veranstaltet das Café Königshof wieder die täglichen Konzerte, „um dem vielfach an uns herangetretenen Wünschen zu entsprechen“. Bereits am 11. September hatte das Café „versuchsweise“ und „in beschränktem Maße“ wieder wieder für Kaffeegäste geöffnet. (BZ v. 12. September)

Von dem Bestreben, den Kriegsalltag für ein paar Stunden zu vergessen, zeugen die Kinoprogramme im „Metropol“, im „Victoria-Theater“, im „Union“, in den „Lichtspielen““ oder im „Palast-Theater“. Einige Beispiele aus dem Monat Oktober: Im „Metropol“ laufen neben dem Film „Kriegsgetraut - Vaterländisches Gegenwartsbild in zwei Akten“ „Die kurierte Frauenrechtlerin – Eine sentimentale Komödie in 3 Akten“, „Der schüchterne Fredy – Ein modernes Lustspiel“ sowie „Bubi in der Sommerfrische – Humoristisch“. Das „Victoria-Theater“ zeigt die „reizende Komödie“ „Griesgram und Sonnenschein“, weiterhin ein „spannendes Amerikanisches Drama“, den Western „Ihre Mutter“, das „Lustspiel“ „Don Juan heiratet“ und die „2 tollen Humoresken“ „Kulke sah tanzen und Luftikus als Negerhäuptling“. Das „Metropol“ preist einen Fim mit Asta Nielsen „in ihrer Glanzrolle als Verräterin in ‚Der Franktireurkrieg’“ an, eine „Hochsensationelle Kriegsepisode in 3 Akten“, aber auch „eine fidele Pensions-Geschichte in 2 Akten“: „Comtesse Ursel“ mit „Henny Porten in dem besten aller Lustspiele“. Die sogenannten Franktireurs sind auch Thema des gleichnamigen Films im „Palast-Theater“, der als „hochaktuelles Kriegsdrama aus dem deutsch-französischen Krieg“ angepriesen wird. Immer dabei: „Der Weltkrieg. Das Neueste von den Kriegsschauplätzen“.

Aber auch das Theater will seinen Beitrag leisten: „In ernsten Zeiten macht das Bedürfnis, zeitweilig sich einmal den Alltagssorgen zu entschlagen und von den Tagesereignissen sich völlig ablenken zu lassen, sich doppelt geltend. So ist der allerorten hervorgetretene Wunsch erklärlich, daß die Theater sich nicht nur auf patriotische und kriegsgemäße Stücke verlegen, sondern auch gesundem Humor sein Recht geben müssen.“ (RZ vom 5. November) Es müssen ja nicht gleich „französische Ehebruchsdramen und Aehnliches“ sein.

Für Amüsement sorgt ab dem 17. Oktober wieder das „Spezialitäten-Theater ‚Sonne’. Natürlich soll ein Programm geboten werden, „das der Zeit Rechnung trägt“, aber es soll vor allem bewirken, „daß der Besucher noch einmal herzlich lachen kann“. Denn „ein herzlich befreiendes Lachen [ist] gerade in jetzigen Zeitläufen Arznei“. (GA v. 24. Oktober)

Das Weihnachtsgeschäft läuft hervorragend. Vielleicht wäre die bereits zitierte Mahnung „Der Weihnachtseinkauf – eine soziale Pflicht“ in der Reichs-Zeitung vom 6. Dezember gar nicht nötig gewesen. Über den „Goldenen Sonntag“, den letzten verkaufsoffenen Sonntag vor dem Weihnachtsfest berichtet die Bonner Zeitung am 21. Dezember u.a.: „Einige Geschäfte haben trotz der Kriegszeiten sehr gut verkauft. So teilt uns eine angesehene Firma der Spielwarenbranche mit, daß sie noch nie einen so guten Goldenen Sonntag erlebt habe wie heuer. (...) In den Nachmittagsstunden waren die Hauptgeschäftsstraßen unserer Stadt von einer tausendköpfigen Menge belebt.“

Aber dem Frohsinn sollen auch Grenzen gesetzt werden. Bereits am 6. November zitiert die Reichs-Zeitung aus einem „sehr beachtenswerten Artikel (...) aus dem neuesten Heft des ‚Türmer’“. Und der warnt ganz entschieden vor dem Karneval. „Wir dürfen nicht warten, bis die staatlichen Behörden alles öffentliche Karnevalstreiben verbieten, sondern wir müssen da, wo der Karneval ganz besonders heimisch ist, in allen Volksschichten jetzt schon darauf hinarbeiten, daß der Gedanke auch eines halbprivaten und privaten Karnevalstreibens im Keime erstickt.“

Die Bonner machen sich diese Aufforderung prompt zu eigen. Am 14. November meldet die Bonner Zeitung, die Karnevals-Gesellschaft Schultheiß und Schöpperath habe einstimmig beschlossen, „in Anbetracht der jetzigen ernsten Zeit von Veranstaltungen aller karnevalistischen Festlichkeiten im Jahre 1915 abzusehen“.

Selbst der St.-Martins-Zug ist vom Kriegsalltag geprägt: „Statt der sonst üblichen Lieder hörte man Kriegs- und Soldatenlieder. Mit dem Gesang „Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen!’ zog so eine kleine Schar, Buben und Mädels, unter unseren Fenstern vorüber. Meist schwieg überhaupt der Mund der Kleinen. Unbewußt empfanden auch sie, daß lautes Treiben jetzt nicht am Platze ist“, berichtet die Bonner Zeitung am 11. November.

Bereits im Vorfeld ist kontrovers darüber diskutiert worden, ob der Umzug überhaupt stattfinden solle. Der General-Anzeiger zitiert am 9. November aus einem Leserbrief: „Könnte in dieser ernsten Zeit das lustige Umherziehen der Martinskinder nicht untersagt werden? In vielen Häusern herrscht Trauer, dazu stimmen die Lieder und das laute Schellen nicht.“ „Eine alte Kinderfreundin reagiert darauf am folgenden Tag: „Warum soll denn durch ein derartiges Verbot den zurückgebliebenen Müttern und deren Kindern das Leben noch schwerer gemacht werden? Laßt den Kindern doch die Freude!“ Dieser Meinung schließt sich am 12. November ein „Kinderfreund“ an. Er kritisiert, dass „den Schülern und Schülerinnen der Volksschulen (...) das Herumziehen mit Fackeln“ verboten wurde, und meint: „Diese Veranstaltung würde namentlich in den Herzen der Kleinen, deren Vater im Felde steht, einen tiefen moralischen Eindruck für die Zukunft hinterlassen.“

Sogar das Weihnachtsfest war von einigen in Frage gestellt worden. „Wie sollen wir in diesem Jahr Weihnachten feiern?“ heißt es scheinbar besorgt im General-Anzeiger vom 3. Dezember. Die Antwort ist klar: „Wir können in diesem Jahre das Weihnachtsfest größer, tiefer und heiliger gestalten als je zuvor. Wir können doppelt geben: Für die daheim und draußen. (...) Wir können Weihnachten feiern – ernst und doch freudig!“

Die Reichs-Zeitung macht unter der Überschrift „Weihnachtsbäume und Brandschäden“ schon am 15. Dezember darauf aufmerksam, dass „durch Verwendung von Wunderkerzen, schlechte und unvorsichtige Anbringung von Kerzen, das Auflegen von Watte, das leichtfertige Aufstellen des Baumes in der Nähe von Gardinen“ usw. alljährlich schwere Schäden verursacht werden.

Und Silvester? Die Gastwirtschaften sollen laut Meldung der Bonner Zeitung vom 31. Dezember bis 1 Uhr geöffnet bleiben. „Durch diese Verordnung wird das Silvestertreiben auf den Straßen eingedämmt werden. Mit Recht! In den jetzigen furchtbar ernsten Zeiten ist lärmendes Straßentreiben nicht am Platze.“

Der Krieg prägt auch die Spiele der Kinder. Der General-Anzeiger beschreibt am 4. November ausführlich das Kriegsspiel einer Gruppe von Jungen am Kaiser-Karl-Ring: Ein Neunjähriger mimt einen Verletzten, der auf der Straße zusammenbricht und den zur Hilfe eilenden Erwachsenen mit den Worten abweist: „Jank fott, ich ben duht!“, bevor er von Gleichaltrigen auf einer Bahre abtransportiert wird. Ein anderer Bonner berichtet am 20. November im General-Anzeiger über ein Gespräch, das er auf dem Venusberg belauschte. Er glaubte, einen Soldaten auf Heimaturlaub höchst anschaulich über seine Kriegserlebnisse berichten zu hören. Als er den vermeintlichen Soldaten passieren lassen will, sieht er indes „einen etwa 10 bis 11 Jahre alten Gymnasiasten, der dem in seiner Begleitung befindlichen Dienstmädchen die Unannehmlichkeiten des Krieges auseinandersetzt“.

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„In Krieg und Frieden (...) gegen Husten und Heiserkeit“

Werbung

Alle Lokalzeitungen weisen einen umfangreichen Anzeigenteil auf. Wie bereits erwähnt, war der General-Anzeiger bis Kriegbeginn in erster Linie ein Anzeigenblatt, und als solches erfreute er sich besonders für die Aufgabe von Privatanzeigen auch weiterhin großer Beliebtheit. Selbst in Kriegzeiten umfasste der Anzeigenteil in der Bonner Zeitung, der Reichs-Zeitung und vor allem dem General-Anzeiger stets ein Viertel und mehr des gesamten Umfangs. Die Anzeigen spiegeln das Kriegsgeschehen genau so wider wie den scheinbar normalen Alltag, preisen verschiedensten Produkte an, werben für Kino, Theater, Konzerte und die große Anzahl von Vorträgen, bieten Dienste aller Art an und enthalten die unterschiedlichsten Privatannoncen anlässlich von Stellen- und Wohnungssuche, Trauungen, Geburten, zunehmend aber auch Todesanzeigen für die auch dem „Feld der Ehre Gefallenen“.

Ein Blick in die Anzeigenteile vom 3. und vom 5. Dezember – willkürlich gewählte Daten - mag hier genügen. Als gäbe es gar keinen Krieg, preist am 3. des Monats, einem Donnerstag, in der Bonner-Zeitung Julius Wallasch ein „Schönes Weihnachtsgeschenk: Briefpapier mit Monogramm“ an, die Konditorei Knauss bietet u.a. „Basler und Berner Lekerli, Honigkuchen mit ohne Gewürz“ an, und das Tyroler Handschulhaus empfiehlt: „Das Beste für Fusswanderungen, Jagd und Reise sind unsere echten Tyroler Loden-Mäntel und Pelerinen“. Die Metzgerei Brauell denkt an die Soldaten: „Für die Krieger im Felde empfehle ich 1a Zervelatwurst und Blockwurst aus bestem Rohmaterial gut haltbar“. Auch der Polyglott-Verlag hat diese neue Klientel entdeckt: „Für die Kriegszeit – Für unsere Soldaten. Polyglott Kuntze (...) Jetzt besonders zu empfehlen: Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Serbisch, Ungarisch“. Im Victoria-Theater läuft der Film „Die Kinder des Kapitän Grant“, im Metropol u.a. „Der Lumpenbaron“, im Stadttheater „Zopf und Schwert“. Eine „Näherin empfiehlt sich im Anfertigen aller vorkommend. Näharbeiten“, und in der Händelstraße ist ein „Elegantes Einfamilienhaus“ zu vermieten oder zu verkaufen. Die Bonner Zeitung hat in der Regel vier Seiten; der völlig unsortierte Anzeigenteil beschränkt sich auf circa eine Seite.

Die Deutsche Reichs-Zeitung erscheint in Vorabend- und Morgenausgabe, insgesamt normalerweise 8 Seiten umfassend. Der Anzeigenteil in jeder Ausgabe ist sehr viel umfangreicher als in der Bonner Zeitung und einzelne Inserate nehmen mitunter einen beträchtlichen Teil der Seite ein. Angepriesen wird beispielsweise in großer Aufmachung als Weihnachtsgeschenk „Für Ehre und Vaterland – eine wahrheitsgetreue Geschichte des grossen Krieges von 1914“. Der „Volksvereins-Verlag“ wirbt für die Taschenausgabe von „Kreuz und Schwert – Feldbriefe“ und für „Ein Andachtsbüchlein für unsere Krieger im Felde“. – „Keine Liebesgabe ins Feld oder in die Lazarette ohne eines der beiden Büchlein!“ E. Heinz aus Sonneberg in Thür. Gangolfstr. 11“ bietet „Puppen, Christbaumschmuck (...) Soldaten aller Nationen, Deutsche, Franzosen, grossmäulige schreiende Engländer, Russen, Türken, Zuaven, Japaner, sowie alle anderen Puppen (...)“ an – der Feind als Kinderspielzeug. Das „Etagengeschäft Merkur“ preist unter dem Slogan „Spare am rechten Fleck!“ Herrenbekleidung aller Art an. Leonard Tietz wirbt für „Billige Lebensmittel“. Sehr umfangreich ist der Anteil an Kleinanzeigen mit den Rubriken „Stellen-Gesuche“ (unterteilt in „männlich“ und „weiblich“), „Wohnungsgesuche“, „An- und Verkauf“, „Verschiedenes“ sowie „Heiratsgesuche“. Die Reichs-Zeitung enthält mehr Todesanzeigen als die Bonner Zeitung, aber in gleichem Umfang wie diese die Ankündigung des Theater- und Kinoprogramms.

Einen ähnlichen Anzeigenmix bietet der sechs- bis achtseitige General-Anzeiger. So manche Firma annonciert in mehreren Zeitungen. Sehr originell inseriert eine Breslauer Firma „Bial & Freund“ einen Plattenspieler: „Ohne Zahlung bis zum Frieden (...) 1. Rate erst einen Monat nach Beendigung des Krieges“. Darüber: „In Krieg und Frieden gebraucht man gegen Husten und Heiserkeit Eutal-Bonbons“, darunter „Magnetismus. Staatlich genehmigtes u. eines der hervorragendsten Heilmethoden für inn. u. äußere Krankheiten (...)“. „H. Kaiser & Co“ wirbt großformatig für die „Armee-Schutz-Hose“, die gegen „Nässe, Schnee und Kälte“ schützen soll und vom 2. bis zum 8. Dezember problemlos „als 500-Gramm-Brief“ verschickt werden kann: „Endlich trocken“ verheißt die Werbung. Äußerst umfangreich wie in der Reichs-Zeitung ist der Anteil der Privatannoncen, die indes nicht in verschiedene Rubriken unterteilt sind: Die Anzeige der „Arzt-Witwe mit schöner Handschr., d. Krieg erwerbslos“, die eine stundenweise Beschäftigung sucht“ steht fast unmittelbar über dem Angebot „1000 Zementsäcke abzugeben“.

Besonders großformatig sind die Anzeigen in den umfangreicheren Samstagsausgaben, die hier ebenfalls exemplarisch Beachtung finden sollen. Fast ganzseitig wirbt im 12-seitigen General-Anzeiger am 5. Dezember „Killy & Morkramer. Feines Spezialgeschäft für Damenkleiderstoffe, Damenkonfektion, Wäsche – Weisswaren“ für besonders billigen „Weihnachts-Verkauf“. Nur die Ankündigung „Von dem Krieg betroffene Familien finden weitestgehende Berücksichtigung“ weist darauf hin, dass Krieg ist. Die Ausblendung des Kriegs gilt für die halbseitige Anzeige der „Geschw. Cahn“, die „praktische Geschenkartikel in allen Abteilungen unseres Hauses“ anpreist. Ein Drittel einer Seite umfasst die Werbung von „Gustav Cords“, der sich als „Hoflieferant Ihrer Majestät der Kaisein und Königin“ mit Geschäften in Berlin und Cöln ausweist und „Zeitgemässe Weihnachtsgeschäfte“ – ebenfalls Bekleidung – anbietet. Das „Kaufhaus Blömer lässt – ebenfalls in einer großformatigen Anzeige – seine Kunden wissen: „Am morgigen Sonntag bleibt mein Geschäft bis abends 7 Uhr geöffnet“. Da steht, was die Größe der Werbung angeht, auch der „Riesen-Bazar H. Rosenstock“ wenig nach, wenn er in Riesenlettern die „Eröffnung meiner großen sehenswerten Spielwaren-Ausstellung“ ankündigt. Und unermüdlich wirbt die „Chabeso-Fabrik für ihr gleichnamiges, angeblich verdauungsförderndes Getränk“ mit dem Slogan „Das natürliche Lebensalter des Menschen 100 Jahre, wenn er vernünftig lebt“. In Zeiten des Krieges wirkt der allerdings zynisch.

Die Kaufhäuser Killy & Morkramer, Blömer und Cahn schalten ihre Großanzeigen im Übrigen auch in der Reichs-Zeitung, die darüber hinaus mit einer elegant gekleideten Dame für ein Schuhhaus wirbt: Sie ist dabei, ein großes Weihnachtspaket zu packen: „Salamander Stiefel in der Weihnachtskiste erregen große Freude bei unseren Tapferen im Felde“ lautet der Text. Killy & Morkramer wirbt mit der gleichen Anzeige auch in der Bonner Zeitung, die ansonsten auch in der Samstagsausgabe nicht umfangreicher als vier Seiten ist und vergleichsweise wenig Werbung enthält.

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Auch im Wehrbund sollen sich alle vereinen!“

Die körperliche Rüstung

Früh übt sich, was ein tapferer Soldat werden will. Unter der Überschrift „Deutsche Tugend“ berichtet die Bonner Zeitung am 14. August von einem jungen Mann, „siebzehn konnte er knapp sein“, der sich freiwillig zum Militär melden wollte, aber „wegen seiner schmalen Brust nicht genommen“ wurde. „’Aber genug für eine Kugel oder das Eiserne Kreuz ist sie noch, Ich halte das schon aus.’ Der Arzt drückte dem braven jungen Mann die Hand; er tröstete sich auf später.“

Schon in den ersten Kriegswochen wird klar, dass viele derer, die sich freiwillig melden, aber auch die Einberufenen, den körperlichen Anstrengungen des Soldatendaseins nicht gewachsen sind. Aus diesem Grund wird bereits am 31. August der „Wehrbund“ gegründet, dessen Zielsetzung der General-Anzeiger in seiner Ausgabe vom 2. August ausführlich darstellt wird: „Der Wehrbund will, ohne der militärischen Ausbildung vorzugreifen, all denen, die sich ihm anschließen, eine solch körperliche Erziehung zuteil werden lassen, daß sie, wenn sie einberufen werden, ihre Pflicht ohne Schwierigkeiten und in vollem Umfang erfüllen können. Er wendet sich also an alle Wehrpflichtigen, d.h. alle Jünglinge und Männer vom 17. bis zum 45. Lebensjahre, die noch ausgebildet werden sollen oder dies schon sind und ihre Einberufung zu gewärtigen haben. (...)“

Am 6. September findet der erste Übungsmarsch statt. „Unter Leitung des Turmwarts Lauser marschierten etwa 150 Teilnehmer zur Waldau. Auf dem Exzerzierplatz wurden Freiübungen abgehalten. Die Märsche, die sich ausdehnen sollen, werden in de kommenden Sonntagen fortgesetzt“, berichtet der General-Anzeiger am 8. September. Die Reichs-Zeitung ergänzt am 19. September im Anschluss an die Beschreibung der Marsch- und Exerzierübungen: „Deutsche Jünglinge und Männer, die sich auf den Kriegsdienst körperlich vorbereiten wollen, werden gebeten, sich in noch größerer Zahl als bisher dem Wehrbund anzuschließen. Außer den Marschübungen wird zweimal wöchentlich geturnt, um vor dem militärischen Dienstantritt eine größere körperliche Gewandtheit und Kräftigung zu erzielen.“ Die Teilnahme wird besonders den älteren Landsturmmännern anempfohlen, die den „körperlichen Anforderungen des Krieges durch Mangel an Uebung“ nicht gewachsen sind“.

Im Oktober ist das Alter der Teilnehmer bereits auf 16 Jahre gesenkt. Und auch das „Programm“ ist ausgeweitet: “Nach den Uebungen auf dem Exerzierplatz findet mit den anderen Abteilungen des Wehrbundes ein gemeinsames Kriegsspiel statt.“ (RZ v. 4. Oktober)

Ein solches „Kriegsspiel“ beschreibt am 25. November die Bonner Zeitung: „Die Eroberung von Ippendorf hatte sich der Bonner Wehrbund am vergangenen Sonntag zur Aufgabe seiner Tätigkeit gemacht.“ Nach ausführlicher Beschreibung des „Kampfgeschehens“ endet der Artikel mit den Sätzen: „Nach erfochtenem Siege vereinten sich Freund und Feind und zogen mit strammen Marschtritt mit fröhlichem Gesang zurück nach Bonn zum Kaiserdenkmal. Ein Hoch auf Kaiser und Reich erscholl und mit stramm ausgeführter Kehrtdrehung löste sich der Zug auf.“

Am 20. Oktober berichtet die Bonner Zeitung über einen Tagesmarsch des Wehrbundes zum Gefangenenlager auf dem Truppenübungsplatz Wahn, an dem unter Leitung des Turninspektors Schroeder 200 Männer teilnahmen. Bei dieser Aktion geht es einerseits darum, eine „stattliche Marschleistung“ zu absolvieren, andererseits aber auch um eine Art ‚Vorführung’ des Feindes: „Es war ein eigentümliches Bild, wie sich die Scharen von Gefangenen um den langen Zug drängten, in dem sie etwas von Deutschlands militärischem Nachwuchs sehen konnten: Franzosen, Engländer, Zuaven, Turkos, Senegalesen und wie die edlen Bundesgenossen alle heißen. In ihrer fantastisch schmutzig-bunten Tracht machen sie meist einen gleichmütigen, unkriegerischen Eindruck; offenbar fanden sie es ganz erträglich in der deutschen Gefangenschaft.“ Die Botschaft ist klar: Ein solcher Feind ist unschwer zu besiegen!

Am 21. Oktober schließlich erlässt auch die Universität einen Aufruf zur Bildung einer studentischen Abteilung des Wehrbundes. Die Marschübungen sollen gemeinsam mit den anderen Abteilung sonntags stattfinden: „Im Verein mit der Jugend aus allen Kreisen der Bevölkerung steht die studentische Jugend im Feld. Auch im Wehrbund sollen sich alle vereinen.“ Die Turnübungen sollen indes separat an den Samstagabenden durchgeführt werden. Die Konstituierung des studentischen Wehrbundes findet am 4. November um 19 Uhr im Auditorium der Universität statt. (BZ v. 21. Oktober)

Am 13. Dezember veranstaltet der Wehrbund eine ganztägige Geländeübung im Siebengebirge, über die die Lokalzeitungen wie üblich ausführlichst berichten. Die Artikel enden mit der Feststellung: „Die Teilnahme der beiden Abteilungen des Wehrbundes, die vom Städtischen und vom Königlichen Gymnasium gestellt werden, wurde schmerzlich vermißt.“ Dieser Tadel ruft den „Oberlehrer Kentenich, Führer der 8. Abteilung des Wehrbundes“ auf den Plan. Er habe bereits im Vorfeld mitgeteilt, dass die Schüler „an diesem Tage gemeinsame Kommunion hätten“. Darüber hinaus weist er darauf hin, „daß Uebungen die sich im Winter vom morgens 9 ½ bis abends 7 Uhr ausdehnen, für sechzehnjährige Schüler eine ernste Gefährdung der Gesundheit bedeuten, für die der Unterzeichnete die Verantwortung ablehnen muß“. (GA v. 16. Dezember) Gerade letzteres Argument, das dem heutigen Leser vernünftig und verantwortungsbewusst erscheint, erregt aufs Höchste den Zorn von „Prof. Dr. med. F.A. Schmidt, Vorsitzender des Bonner Wehrbundes“ (GA v. 18. Dezember) Selbstverständlich entschuldige die Kommunion das Fernbleiben; dass die Übung indes die Gesundheit der Schüler gefährde, müsse er energisch bestreiten: „Was unsere Jungmannschaft draußen im Krieg geleistet hat und noch leisten muß, haben wir mit Freude und Stolz in den letzten Monaten gehört. Dagegen war diese vom Wehrbund angeordnete Geländeübung fast als ein Kinderspiel zu bezeichnen. (...) In dieser großen Zeit handelt es sich darum, daß derjenige Teil unserer heranwachsenden Jugend, der wohlmöglich im nächsten oder im übernächsten Jahr mit heran muß zur Verteidigung des Vaterlandes, sich schon jetzt vorbereitet (...)“ Oberlehrer Kentenich hat anscheinend noch nicht begriffen: Auch die Sechzehnjährigen müssen schon mal auf den Krieg vorbreitet werden – von einer gesundheitlichen Gefährdung zu sprechen, verbietet sich angesichts des höheren Ziels.

Am 22. November druckt die Reichs-Zeitung auf der Titelseiteeinen langen Artikel unter der Überschrift „Ein Wehrbundwort an die akademische, gymnasiale und gewerbliche Jugend“ ab, der die national-sozialistische Diktion bis ins Detail vorwegnimmt. Der Kriegbeginn wird gefeiert als Sternstunde für die deutsche Jugend: „ Da zeigt sie ihr ganzes Feuer und ihre ganze Tiefe. Da erwachsen unter der Glut einer einzigen Sonnenstunde zahllos und farbenleuchtend seine höchsten ethischen Zustände, in denen ein wurzelechter, kraftvoller Idealismus auch die natürliche Lebensscheu überwindet, überwindet nicht nur, sondern umwandelt in Todesrausch und Märtyrersehnsucht.“ Und die Aufgabe des Wehrbundes? Die wird pathetisch überhöht als Vorbereitung auf den Krieg beschrieben: „Nicht Soldatenspiel oder Jugendpflege, nein, ernste, zukunftsernste Vorarbeit, Soldatengeist und Soldatenkraft in die Reihen tragen, die vielleicht noch in diesem, vielleicht in einem anderen Kriege die Waffe für die Heimat zu führen haben.“ Gleichzeitig werden die vertrauten Klischees bemüht. Wenn es von der deutschen Jugend heißt, sie sei „nie verstandeskühl und rechnerisch gewesen, das Markten und Feilschen war sie nie gewohnt“, so wird deutscher Idealismus wieder einmal klar abgesetzt von dem angeblich „kulturlosen“ Materialismus der Engländer. Der Artikel endet mit einem flammenden Aufruf, sich zum Wehrbund zu melden: „Jungmannschaft Bonn, stehe deinen Kameraden und Altersgenossen im Felde nicht zurück! Jene füllten die Feldkompagnien der Armee, fülle du wenigstens die Wehrbundkompagnien der Heimat! Sei ausdauernd, tapfer und opferbereit! Nicht wert ist der unserer Stadt, unseres Stromes, unserer Berge, der in dieser großen Zeit, die Gott in Gnaden ihn hat erleben lassen, sich nicht schämt, ein kleiner Wicht zu bleiben.“

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„... in die Seele der Jugend den Samen vaterländischer Gesinnung pflanzen ...“

Vaterländische Erziehung: Die geistige Rüstung

Nicht nur körperlich, auch geistig muss aufgerüstet werden, um die patriotische Gesinnung zu stärken und zu pflegen, die zu Kriegsbeginn die Bonner wie so viele Deutsche beseelte: „Seit der Mobilmachung scheint die Jugend verändert. Kommt man in ein Büro, in dem sich die Freiwilligen melden, so sieht man leuchtende Gesichter, aufrechte Haltung der Jugend, die früher müde und blasiert, mit krummen Rücken herumlief.“ (BZ v. 14. August)

Aber nicht immer verhält sich die Jugend so vorbildlich, wie es der Patriot von ihr erwartet. Der mag sich ja noch „über die Jugend und ihre jetzt aktuell gewordenen Kriegsspiele“ freuen. Aber der Krieg führt auch zu einer unerwünschten Verrohung und Akten von Vandalismus „insbesondere im Hofgarten, Alten Zoll, Baumschul-Wäldchen, Nussallee Rheinanlagen, kurz an allen größeren Plätzen“. (GA v. 26. August) Höchste Zeit also, die patriotische Gesinnung der Jugend zu stärken. Zu diesem Zweck werden ab der zweiten Septemberhälfte die Schüler der „Fortbildungsschulen“ in das „Verständnis unserer großen Zeit“ in der Weise eingeführt, dass jeweils 200 – 300 Schüler des Morgens „zu einem patriotischen Vortrag“ versammelt werden. Derselbe Vortrag wird an allen sechs Wochentagen gehalten, sodass am Ende der Woche alle Schüler über Themen wie „Innere und äußere Veranlassung unseres heutigen Weltkrieges“ und „Aufmarsch der Truppen“ belehrt worden sind. (BZ v. 20 September) Die Reichs-Zeitung berichtet ebenfalls undinformiert über das gesamte ‚Bildungsprogramm’, das auch Themen wie „Feindliche Lügenfabriken, Kriegshumor, Kriegspoesie“ enthält, und stellt einleitend fest: „Auf dem Schulhofe hängt eine Kriegskarte mit dem markierten Standpunkt unserer Heere.“ (RZ v. 20. September)

Im November erfolgt eine Bekanntmachung des Unterrichtsministers, „worin er die ihm unterstellten höheren Lehranstalten auffordert, in einzelnen Unterrichtsstunden durch stete Bezugnahme auf die Großtaten unseres Volkes und auf die gewaltigen Leistungen unseres tapferen Heeres in die Seele der Jugend den Samen vaterländischer Begeisterung einzupflanzen“. (BZ v. 12. November)

Der Unterricht an den städtischen Fortbildungsschulen soll indes laut einer Anregung des Ministers für Handel und Gewerbe für die Schüler vom Alter von 16 Jahren an zugunsten körperlicher Ertüchtigung eingeschränkt werden. „Der Schulvorstand der städtischen Fortbildungsschulen beschloß demgemäß, daß von jetzt an für die Oberklassen militärische Übungen planmäßig als Pflichtstunden nach den von dem Kriegsministerium festgelegten Richtlinien abgehalten werden sollen.“ (BZ v. 7. November)

Für die Bonner Bevölkerung werden bereits in der 2. Augusthälfte sogenannte Vaterländische Reden und Vorträge geplant, die von einem Ausschuss, besetzt mit Professoren der Universität und der höheren Schulen sowie mit „angesehenen Männern des praktischen Lebens“, organisiert werden sollen. Explizites Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, „dem geistigen Leben in unserer Stadt während des Krieges einen neuen Mittelpunkt [zu] geben und über alles, was mit dem Kriege in politischer, geschichtlicher und wirtschaftlicher Weise und in allen Zweigen des Geisteslebens und der Kultur zusammenhängt, gemeinverständlicher Weise [zu] unterrichten. Die Reden sollen zugleich den Geist vaterländischer Ausdauer und Geduld in schweren Tagen stärken helfen.“ (BZ v. 23. August)

Der erste Vortrag des Prof. Dr. Sell mit dem Titel „Recht und Würde des Krieges“ findet am 7. September statt. Ausführlich berichten die Lokalzeitungen nicht nur über den Inhalt, sondern auch über die Wirkung auf den Zuhörer, der „in dieser eisernen, waffenklirrenden Zeit ein ernstes, besinnliches Wort zu schätzen weiß“. (GA v. 8. September) Quintessenz der Rede, die alle gängigen Propagandaklischees bedient, auch hier: „Der jetzige Krieg entspringe aus dem Haß unserer Feinde gegen Deutschland und sein stetiges Voranschreiten auf allen Kulturgebieten. Da es gelte, diese Güter zu verteidigen, sei der Krieg gerecht. Es gelte die künftige Freiheit Europas. Sie zu befreien von der russischen Knute, der französischen Prahlerei und des englischen Geldsacks, das ist unser Ziel.“ Die Veranstaltung ist schon am Mittag ausverkauft, wird deshalb, wie der General-Anzeiger am 12. September mitteilt, wiederholt und sogar „im Verlage von Friedrich Cohen in Druck erscheinen“. (BZ v. 13. September)

Am zweiten Abend, am 15. September, spricht Prof. Dr. Hashagen über die Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und England seit 1870. Das wiederum große Interesse der Bonner – „Der gestrige Vortrag war überfüllt“ – erklärt der Berichterstatter des General-Anzeigers in der Ausgabe vom 16. September einleitend: „Mit Grimm und Wut im Herzen denkt man an das perfide Albion. Kein Wunder, daß man alles, was diese teuflische Hetzpolitik Englands ins rechte Licht rückt, mit doppeltem Interesse verfolgt; (...) uns während des jetzigen Krieges nichts so mit grimmiger Freude erfüllt, als wenn eben dieses perfide Albion von unseren wackeren Soldaten Hiebe, fürchterliche Hiebe wegkriegt.“ Diese Erwartungen der Zuhörer scheint der Vortragende in vollem Umfang erfüllt zu haben.

Der 15. Abend wird – wie schon erwähnt – von Dr. Hermann Cardauns gestaltet. Der General-Anzeiger fasst den Vortrag „Der Krieg und die Presse“ am 17. Dezember zusammen und betont die patriotische Pflicht, der die Bonner Lokalzeitungen – wie zu sehen ist - so hervorragend nachkommen: „Im übrigen habe sich die Tagespresse in vollster Einmütigkeit in den Dienst des Vaterlandes gestellt; sie sei ihrer Aufgabe durchaus gerecht geworden. So habe die Presse nicht allein erfolgreich mitgewirkt an der Pflege der Vaterlandsliebe, sie habe auch Front gemacht gegen den Lügenfeldzug unserer Feinde (...):“

In allen Bereichen wird deutlich, wie das Feindbild in der Lokalpresse kultiviert wird. Dabei sind es weniger die Franzosen, sondern vielmehr die Engländer die den größten Hass auf sich ziehen. Das lässt sich auch mit einem ganz anderen Beispiel zeigen:

Die Bonner Zeitung veröffentlicht am 4. Dezember einen Feldpostbrief, der in einer auswärtigen Zeitung zu lesen war. Offensichtlich hielt man die dort geschilderte Episode für so bedeutsam, dass man auch die Bonner davon wissen lassen wollte. Der Verfasser des Briefes schildert ein Ereignis, das am 20. November stattfand und das an den inoffiziellen Waffenstillstand am Weihnachtstag 1914 erinnert. Deutsche und Franzosen hatten eine Waffenruhe vereinbart, um die Toten beerdigen zu können. Und da geschah es: „Aus beiden Gräben wurde mit weißen Tüchern gewinkt, und nun stiegen Franzosen und Deutsche auf die Schützengräben, gingen sich entgegen, schüttelten sich die Hände und verkehrten freundschaftlich zusammen.“ Liebesgaben werden ausgetauscht, die Franzosen fragen nach günstigen Gelegenheiten zum Überlaufen: „... man sieht, wie wenig Lust die Franzosen zum Krieg haben: sie sind eben durch die Engländer in diesen hineingezogen.“ „Großschnauzig“ seien die, „Prügel“ verdienten die Engländer, nicht die Franzosen, die lediglich die Verführten sind.

Es sei indes an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es während des Weihnachtsfriedens 1914 vor allem an der etwa 50 Kilometer langen Frontlinie zwischen Diksmuide und Neuve Chapelle eine Fraternisierung vor allem zwischen Deutschen und Briten gegeben hatte: Weihnachtsbäume wurden entzündet, Weihnachtslieder gesungen, Fußballspiele organisiert – für einige Stunden keine Spur von Hass auf den Feind in einem Gebiet, in dem nur wenige Wochen später der erste Giftgaseinsatz stattfand.

Regelmäßig finden in dichter Folge weitere Vortragsveranstaltungen statt, so auch ein Abend mit dem Titel: „Deutschland, die Türkei und der Islam“, in dem der Redner, Prof. Dr. Becker, die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft hoch leben lässt und feststellt, es sei “gut zu wissen, daß Deutschland der Freund der Mohammedaner und auch umgekehrt die Türkei der Freund Deutschlands“ sei. (GA v. 23. September)

Der Katholische Verein steht nicht nach. Am 13 September hält „Realschullehrer Rech“ einen Lichtbildvortrag. Die Reichs-Zeitung kommentiert „Schöne Bilder über das leider so verblendete Belgien wurden gezeigt und mit einer gewissen Wehmut nahm man von den schönen Städtebildern Notiz, von denen ein Teil infolge des belgischen Volkskrieges der Vernichtung anheimfiel.“ (RZ v. 15. September)

Darüber hinaus finden sogenannte Vaterländische Volksabende in den Räumen des Bürger-Vereins statt, so zum Beispiel anlässlich des Sedantages am 2. September, veranstaltet von der Bonner Sozialen Wohlfahrts-Vereinigung. Der General-Anzeiger berichtet am 3. September über „der besten, hehrsten und weihevollsten Feiern eine, die wir bislang erlebt haben (...).“ Höhepunkt des Abends nach markigen Sprüchen wie „Wir wollen sie dreschen!“, nach Kaiserhymne und „Deutschland über alles“, ist der Vortrag des bereits bekannten Prof. Dr. Hashagen: „Er leuchtete hinein in die lügenerfüllten Intrigen, in die schamlosesten Verstöße gegen jedes göttliche und menschliche Gesetz. Gesindel ringsum. Aber dennoch: Hoch unseren Mut, hoch unser Vertrauen , den eben unser, nur unser und unser teuren Verbündeten ist die gerechte Sache.“

Der 2. Vaterländische Volksabend wird am 25. September veranstaltet – wie auch die folgenden – nun monatlich stattfindenden - eine Mischung aus musikalischen Beiträgen und belehrenden Vorträgen. Immer dabei: „Die Wacht am Rhein“.

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Fazit

Über die Kriegsschuldfrage ist 100 Jahre nach Kriegsbeginn erneut kontrovers und heftig diskutiert worden. Diese Diskussion zu kommentieren, ist hier nicht der Ort. In diesem Fazit geht es vielmehr um eine abschließende Beurteilung dessen, was die Lokalzeitungen in den ersten Kriegsmonaten ihren Lesern und Leserinnen in welcher Weise in den lokalen Nachrichten präsentierten. Dabei wird deutlich, dass die Botschaft geradezu eingehämmert wird, das Deutsche Reich sei von Feinden umzingelt, befände sich in einem gerechten Verteidigungskrieg. Unhinterfragter Patriotismus in allen Bereichen des Alltags ist das Gebot der Stunde. Kritik wird nicht geäußert; abweichendes Verhalten wird angeprangert. Die mörderische Realität des Krieges wird ausgeblendet, allenfalls in den Todesanzeigen zum „Heldentod für das Vaterland“ umgedeutet, in den Feldpostbriefen und Frontgedichten heroisch überhöht und bisweilen als durchaus lustiges Abenteuer beschrieben. Im Übrigen: Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und Not kennt schließlich kein Gebot. Der bereits zitierte „Dr. Cardauns“ fasst in seinem Vortrag durchaus zutreffend die Aufgabe der Presse in Zeiten des Krieges zusammen, wenn er voll des Lobes davon spricht, dass die Tagespresse sich „in vollster Einmütigkeit in den Dienst des Vaterlandes“ gestellt habe.

Dass die deutsche Armee völkerrechtswidrig Belgien überfallen hatte und brutal gegen die belgische und französische Zivilbevölkerung vorgegangen war – das wird vor allem in den veröffentlichten Feldpostbriefen als Konsequenz ihres „unbotmäßigen“ Verhaltens dargestellt. Dass große Teile Belgiens und des französischen Nordens besetzt sind, ist zum Schutze des deutschen Vaterlandes nur allzu gerechtfertigt. Die Verfasser von Feldpostbriefen und Überbringer von Liebesgaben beschreiben die massiven Zerstörungen im „Feindesland“ und geben ihrer Genugtuung Ausdruck, dass die „Heimat“ von der Verheerung verschont blieb. „Vorwärtsverteidigung“ nennt man das wohl heute.

Die „braven Krieger“ werden am Ende siegen, und um dieses Ziel zu erreichen, muss auch in der Heimat tapfer gekämpft werden – das ist die tägliche Botschaft der lokalen Presse. Materielle Entbehrungen, Einschränkungen aller Art, der massenhafte Tod der Söhne, Brüder, Ehemänner und Väter – das alles muss ganz einfach für eine gerechte Sache in Kauf genommen werden. Das Ausmaß der in den ersten Kriegsmonaten erbrachten Opfer erzwingt geradezu die Fortführung des Krieges.

Als Hauptfeind werden stets – wie im ganzen Deutschen Reich – die Engländer ausgemacht. Der Topos der Erbfeindschaft mit dem Nachbarland Frankreich, der eigentlich seit den Befreiungskriegen 100 Jahre zuvor zum Standardrepertoire gehörte, wird in der Propaganda selten verwendet. Zwar wird in den Feldpostbriefen, die in den Lokalzeitungen zunehmend Verbreitung fanden, die französische Nation als kulturell weniger entwickelt dargestellt als die deutsche, aber die Franzosen werden immer wieder als die Verführten beschrieben. Und die Verführer und eigentlich Schuldigen am Krieg sind die Engländer, jenes Volk der Materialisten, Geldsäcke und Händler, die das genaue Gegenbild zum deutschen Volk der Dichter und Denker, dem Inbegriff der Kultur, darstellen.

Unausgesprochen mag dahinter auch ein Konkurrenzdenken stecken, denn das Deutsche Reich strebte doch gerade Vormachtstellung in Europa an, die England inne hatte. Dr. Fritz Brüggemann, Redner im Rahmen der „Vaterländischen Reden und Vorträge“ erklärt in seinem Beitrag „Englands Sonderstellung gegenüber Europa“ die Kriegsführung der Briten zum „Verrat an der weißen Rasse“ (RZ v. 6. Dezember) und begründet sein Urteil damit, dieses Land habe „auch andere schwarze, braune und gelbe Hilfsvölker gegen uns zu Felde geführt“. Nur indem England in der Geschichte perfide und verantwortungslos die übrigen Nationen gegeneinander ausgespielt habe, sei der Aufstieg zur Großmacht gelungen. Deutschlands Aufgabe im gegenwärtigen Krieg formuliert er eindeutig und spricht damit sicher den Zuhörenden aus der Seele: „Die Wiedergewinnung der beherrschenden Stellung, die Deutschland im Mittelalter in Europa eingenommen hat, sollte ein Preis sein, der uns nicht zu hoch dünkte für die ungeheuren Opfer an Gut und Blut, die dieser Krieg von uns fordert.“

Die antibritischen Ressentiments durchdringen alle Bereiche auch der lokalen Berichterstattung bis hinein in die Werbung. Als im Weihnachtsgeschäft Soldatenpuppen aller Art – Deutsche, Franzosen, Russen, Türken, Zuaven, Japaner - beworben werden, sind nur die Engländer mit fett gedruckten Adjektiven versehen: großmäulig schreiende Engländer! (RZ v. 3. Dezember) Das Feindbild wird bis in die Kinderzimmer getragen.

Diese unaufhörliche Kriegspropaganda hat natürlich ihre Entsprechung insbesondere in Frankreich und Großbritannien. Der deutsche Kriegsgegner wurde hier von Anfang an dämonisiert; durch die Brutalität der deutschen Kriegsführung – dem Franktireur-Krieg in Belgien samt der totalen oder partiellen Zerstörung von 129 Städten und Ortschaften und der Ermordung von mehr als 6.000 Zivilisten, der Brandschatzung der renommierten Bibliothek von Löwen und der Beschießung der Kathedrale von Reims – wurde dieser Propaganda freilich reichlich Nahrung gegeben. Die Deutschen sahen in ihrem Vorgehen, das jegliches Völkerrecht missachtete, lediglich einen gerechten Akt der Selbstverteidigung, der ihr Selbstbild als Kulturnation in keiner Weise tangierte. Diese Selbstwahrnehmung stand im scharfen Gegensatz zu dem alliierten Feindbild der Deutschen als brutale Barbaren. Diese „andere“ Seite war indes nicht Gegenstand dieser Untersuchung.

Auffällig ist indes, dass die Propaganda fast ausschließlich auf das Kriegsgeschehen an der Westfront gerichtet war. Zwar werden die Russen gelegentlich als unzivilisiert gebrandmarkt, wird vor allem in den ersten Kriegsmonaten für die Deutschen in Ostpreußen gesammelt, aber die sogenannten Kosakengräuel waren nur so lange Gegenstand der Propaganda, wie sich bis Ende August russische Truppen im Osten des Deutschen Reiches fanden. Auch der äußert brutale Krieg, den das verbündete Österreich-Ungarn im Südosten Europas führte, fand keinen Eingang in die lokale Berichterstattung.

Sabine Harling

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