Mittwoch, 4. Dezember 1918

   

Anzeige im General-Anzeiger vom 4. Dezember 1918Anzeige im General-Anzeiger vom 4. Dezember 1918Zieht die Fahnen ein. Der Oberbürgermeister macht bekannt: Die Truppendurchzüge sind beendet. Zieht daher die Fahnen ein und entfernt den Straßenschmuck.

Die letzten deutschen Truppen. In fast endlosem Zuge und zu mehreren Kolonnen nebeneinander zogen gestern abend bis in die späte Nacht hinein geschlossene Verbände Fuß- und fahrender Truppen durch Bonn über die Brücke, auf den Straßen, vor allem der Brückenstraße von vielen Tausenden Männern und Frauen noch einmal ganz besonders herzlich begrüßt. Auf beiden Seiten gab es ein unaufhörliches Winken und Tücherschwenken. Die Musikkapellen, die noch in größerer Zahl mit ihren Verbänden durchzogen, spielten häufig die Wacht am Rhein oder Deutschland über alles, und alles Volk stimmte in diese Lieder ein, die öffentlich in den nächsten Monaten wohl nicht mehr gesungen werden können. Unzählige Auf Wiedersehn! begleiteten die deutschen Brüder über den deutschen Strom.

An der gestrigen Stadtverordnetensitzung, der ersten seit der Umsturzbewegung, nahmen auch zwei sozialdemokratische Mitglieder des Arbeiter- und Bürgerrates teil, die sich auch rege an den Verhandlungen beteiligten. Oberbürgermeister Spiritus widmete unseren Truppen herzliche Abschiedsworte, betonte die unauflösliche Zugehörigkeit des Rheinlandes zum großen deutschen Vaterlande und richtete an die Bürgerschaft eine ernste Mahnung, der fremden Besatzung selbstbewußt und stolz zu begegnen, aber alles zu vermeiden, was zu berechtigten Klagen Veranlassung geben könnte. Die Stadtverordneten bewilligten 500.000 M. für die Erwerbslosenfürsorge und 50.000 M. für eine Hilfskasse zugunsten der Nichtkriegsteilnehmer, sie beschlossen die Einführung des Achtstundentages in den städtischen Betrieben und die Ausgabe von weiterem Notgeld, auch die Anwendung des Umlegungsgesetzes, der sog. Lex Adickes, auf Bonn. Eine Beschlußsammlung über weitere Teuerungszulagen an die städtischen Beamten, Angestellten und Arbeiter wurde vertagt.

(Bonner Zeitung, Rubrik „Aus den Städtischen Nachrichten“)

   

Dringende Bitte an Polizei u. Bürgerwehr. Wir machen Polizei und Bürgerwehr darauf aufmerksam, daß die Straßenjugend sich immer noch damit lustiert, Partronen und Handgeschosse zur Explosion zu bringen. An allen Ecken und Enden der Stadt knallt es, besonders in den Abendstunden. Sollte sich dies nach der Besetzung noch weiter ereignen, dann gerät die Einwohnerschaft Bonns in die Gefahr, von den alliierten Truppen sehr unsanft behandelt zu werden. Die Bürgerwehr hat selbst darauf hingewiesen, daß man keine Waffen mehr im Hause haben darf. Sie würde sich auch ein großes Verdienst erwerben, wenn sie mit allem Nachdruck gegen die Knallerei auftreten und den Straßenbengels das Handwerk mit aller Gründlichkeit legen würde.

Schluß mit der Knallerei. Wie uns ein Anwohner der Coblenzerstraße mitteilt, haben die jetzt abgerückten Truppen massenhaft Feuerwerkskörper, sogenannte Schwärmer, an die Jugend verteilt. Ein Junge wurde erwischt, der noch 15 Stück dieser Schwärmer in der Tasche hatte. Aber nicht nur die Kinder allein sind es, die diesen Unfug treiben; beim Durchzug der letzten Truppen wurde gestern abend in der Nähe der Brückenstraße wiederholt aus Revolvern geschossen. Halbwüchsige Burschen hatten sich in den dunkleren Nebenstraßen aufgestellt und feuerten von dort aus die Schüsse ab.

(Bonner General-Anzeiger, Rubrik „Aus Bonn“)

   

Betten für die Besatzung. Da zur Unterbringung der Besatzung in Schulen, Kasernen usw. nicht genügend Betten zur Verfügung stehen, wird die Bürgerschaft dringend gebeten, guterhaltene Betten (möglichst aus Eisen) käuflich zur Verfügung zu stellen.

Das linke Rheinufer mußte bis heute morgen 6 Uhr geräumt sein. Gestern kamen noch ziemlich große Truppenmassen auf ihrem Durchzuge über die Rheinbrücke. Das 60. Infanterie-Regiment, das den Ordnungsdienst in Bonn versehen hatte, zog unter klingendem Spiel aus. Auch in der Nacht kamen noch Truppen durch die Stadt. Von der englischen Besatzung ist bis zum Redaktionsschluß noch niemand hier eingetroffen.

(Deutsche Reichs-Zeitung, Rubrik „Aus der Rheinprovinz. Bonn“)